Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 5. (1952)
SANTIFALLER, Leo: Beiträge zur Neueren Geschichte aus dem Österreichischen Staatsarchiv
254 Leo Santifaller dern als Gelehrter in Rom — er hielt eine Vorlesung über Ozeanographie — wohnte im Hotel, hat aber dem König von Italien einen Besuch gemacht; der Vatikan beschränkte sich darauf, „gegen das Faktum des Besuches eines katholischen Staatsoberhauptes in Rom zu protestieren, damit dieser Besuch nicht einmal als Präzedenzfall angerufen werden könne“. Um dieselbe Zeit, zu Ende April 1910, weilte die verwitwete Landgräfin von Hessen, geborene Prinzessin von Preußen, die vor etwa zehn Jahren zum Katholizismus übergetreten war, in Rom; da sie nicht die Absicht hatte, im Quirinal einen Besuch zu machen, wurde sie vom Papst empfangen. Im Herbst 1910 machte ein Artikel des bekannten Historikers Heinrich Friedjung in der Vossischen Zeitung vom 22. November vor allem in Rom einiges Aufsehen; Friedjung erörterte darin, ausgehend von der Notwendigkeit intimer Beziehungen zwischen Österreich-Ungarn und Italien, die Opportunität einer Verständigung der katholischen Höfe mit dem Vatikan behufs Ermöglichung von Besuchen katholischer Staatsoberhäupter beim Quirinal. Zu Ende des Jahres 1910 kam der katholische Prinz Victor Napoléon mit seiner Gemahlin zum Besuch des italienischen Königspaares nach Rom und nahm im Quirinal Wohnung; einen Versuch, auch vom Papst empfangen zu werden, hat er nicht unternommen; in vatikanischen Kreisen war man über den Vorgang sehr verstimmt und der österreichisch-ungarische Botschafter beim Heiligen Stuhl, Graf Szécsen, schließt seinen Bericht (21. Dezember 1910) an den Außenminister Grafen Achrenthal über diesen Vorfall mit folgender Bemerkung: „Jeder Besuch katholischer Fürstlichkeiten im Quirinal wird im Vatican natürlich peinlich empfunden: man hat dort versäumt in dieser Frage einen modus vivendi herzustellen, zu einer Zeit, Wo die italienische Regierung noch zu großen Concessionen bereit gewesen wäre.“ Der Heilige Stuhl blieb nach wie vor bei seinen seit 1870 beobachteten Grundsätzen, die im Jahre 1904 aus Anlaß des Besuches des Präsidenten der französischen Republik im Schreiben des Kardinal-Staatssekretärs Merry del Val ausdrücklich formuliert und festgelegt worden waren (Text Nr. 7). Als der österreichische Staatskanzler Renner Anfang April 1920 nach Rom kam, hat Papst Benedikt XV. die Entscheidung getroffen: Da Renner nicht Staatsoberhaupt ist, kann er empfangen werden, obwohl er zum König geht. Der Papst wünschte allerdings, daß die Audienz möglichst vor der beim König stattfinden möge, erklärte sich aber schließlich, wohl unter dem Einflüsse des damaligen österreichischen Gesandten, Ludwig Freiherrn von Pastor, damit einverstanden, daß Renner zuerst vom König empfangen werde10). Bald darauf hat Papst Benedikt XV. in der Enzyklika „Pacem Dei munus“ vom 23. Mai 1920 eine grundsätzliche Änderung bzw. Milderung 10) Pastor, Tagebücher etc., S. 683 f.