Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 5. (1952)
SANTIFALLER, Leo: Beiträge zur Neueren Geschichte aus dem Österreichischen Staatsarchiv
252 Leo Santifaller neuerdings dringlich. So wird diese Frage bereits in einer Unterredung zwischen dem k. u. k. Minister des Äußern, Grafen Goluchowski, und dem italienischen Botschafter Grafen Nigra im September 1902 behandelt (Texte Nr. 1). Bernhard von Bülow, der damalige deutsche Reichskanzler, berichtet in seinen Denkwürdigkeiten, daß er aus Anlaß des Besuches des Kaisers Wilhelm II. in Rom zu Anfang Mai 1903 eine Unterredung mit dem König von Italien gehabt hätte, in dem dieser ihm sagte, „es sei unerhört, daß der Wiener Besuch des Königs Humbert noch immer nicht in Rom erwidert worden wäre; dies sei eine ,Ohrfeige“, nicht nur für seinen toten Vater, sondern auch für ihn selbst, für sein Haus und sein Land“ 5 6). Im Frühling 1903 wurde nun sowohl von französischer als auch von italienischer Seite der Wunsch geäußert, der Präsident der französischen Republik, Emile Loubet, also das Oberhaupt eines katholischen Staates, möge als Gast des Königs von Italien Rom besuchen; zugleich aber sollte er auch dem Papst einen Besuch abstatten8). Im Zusammenhang mit den über diese Fragen damals in Rom geführten Erörterungen und Diskussionen hat nun Kaiser Wilhelm II., der vom 2.—5. Mai 1903 als Gast des Königs von Italien in Rom weilte und am 3. Mai in feierlicher (Form den Papst besuchte7), mit dem österreichisch-ungarischen Botschafter über einen Rombesuch des Kaisers Franz Josef gesprochen; über diese Unterredung und weitere damit im Zusammenhang stehende Besprechungen haben die beiden österreichisch-ungarischen Botschafter in Rom sowie auch der österreichisch-ungarische Botschafter in Berlin an den k. u. k. Minister des Äußeren nach Wien berichtet (Texte Nr. 2—3 a, 4—6); die nach Rom gerichtete Antwort, die der damalige Sektionschef im Ministerium des Äußern, Graf Heinrich Lützow, verfaßt bzw. unterfertigt hat, war bis jetzt nicht aufzufinden; der Inhalt derselben dürfte sich aber im wesentlichen mit dem an den k. u. k. Botschafter in Berlin gerichteten Telegramm vom 15. Mai 1903 decken, in dem der Standpunkt der Wiener Regierung wiedergegeben ist (Text Nr. 3 b). Wie vorauszusehen war, vermochten unter den gegebenen Verhältnissen weder die Verstimmung des Königs von Italien noch auch die Äußerungen und Wünsche des Kaisers Wilhelm eine Änderung des bisherigen Zustandes herbeizuführen und Kaiser Franz Josef hat auch seither von einem Besuche der Stadt Rom abgesehen. Die ganze Frage wurde infolge des Todes Leos XIII. am 20. Juli 1903 zunächst gegenstandslos bzw. bis auf weiteres verschoben. Ein Jahr später, Ende April 1904, hat dann Präsident Loubet tatsächlich dem König von Italien in Rom einen Staatsbesuch abgestattet. „Die französische Regierung suchte den Empfang Loubets im Vatikan zu erzwingen. Man konnte diesem aber nicht gewähren, was bisher allen katholischen Herrschern, selbst dem 5) Bernhard Fürst von Bülow, Denkwürdigkeiten 1, 1930, S. 608. 6) Vgl. T’serclaes 3, S. 681 ff.; Schmidlin 2, S, 432; siehe auch die Berichte unten S. 260 ff. 0 Vgl. T’serclaes 3, S. 523 ff,; Schmidlin 2, S. 469 f.