Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 5. (1952)
SANTIFALLER, Leo: Beiträge zur Neueren Geschichte aus dem Österreichischen Staatsarchiv
Beiträge zur Neueren Geschichte aus dem Österr. Staatsarchiv 251 Besonders schwierig gestaltete sich die Frage eines Rombesuches für den Kaiser von Österreich 2): Kaiser Franz Josef war persönlich ein treuer Katholik und dem Heiligen Stuhl und der Person des Papstes in aufrichtiger Anhänglichkeit ergeben; er war ferner der Chef eines streng katholischen Hauses, das Oberhaupt eines katholischen Staates und einer katholischen Großmacht, er verkörperte gewissermaßen noch die altehrwürdigen Traditionen des Heiligen Römischen Reiches und führte als König von Ungarn den Titel rex apostolicus; dies alles und außerdem sein Alter und sein Ansehen machten Kaiser Franz Josef zum ersten und führenden katholischen Herrscher, zum „Doyen der katholischen Souveräne“; dazu kam dann noch der besondere Umstand, daß durch den im Jahre 1882 geschaffenen Dreibund der Kaiser von Österreich Verbündeter des Königs von Italien geworden war. Wohl hatte König Humbert dem Kaiser Franz Josef Ende Oktober 1881 in Wien seinen offiziellen Staatsbesuch gemacht, aber Kaiser Franz Josef hat darauf verzichtet, dem König seinen Besuch in Rom zu erwidern3). Seit dem Regierungsantritte des Königs Viktor Emanuel III. im Juli 1900 und insbesondere seit dessen offiziellen Antrittsbesuchen im Juli und August 1902 in St. Petersburg und in Berlin und im Oktober 1903 in Paris und den im Jahre 1903 erfolgten Besuchen europäischer Staatsoberhäupter in Rom4) wurde die Frage eines Rombesuches des Kaisers Franz Josef 2) Vgl. zum folgenden auch die Äußerungen des Ministers des Äußeren, Grafen Goluchowski (Text Nr. 1) und neuerdings auch Alois H u d a 1, Die österreichische Vatikanbotschaft 1806—1918 (1952), S. 266 ff. 3) Vgl. T’serclaes 2, S. 214, 238; Kralik 4, S. 327; Schmidlin S. 475. — Von Mitgliedern des österreichischen Kaiserhauses wurde wohl der Bruder des Kaisers, Erzherzog Ludwig Viktor, im Jahre 1881 von Papst Leo XIII. in Audienz empfangen; dagegen wurde dem Erzherzog Rainer, welcher im Jänner 1878 zur Leichenfeier für König Viktor Emmanuel II. nach Rom gekommen war, eine Audienz von Pius IX. verweigert und desgleichen wurde 1884 eine Anfrage wegen einer Audienz der Tochter des Kaisers, der Erzherzogin Gisela, und ihres Gemahls des Prinzen Leopold von Bayern durch Leo XIII. abschlägig beantwortet (Wien Österreich. Staatsarchiv; Haus-, Hof- und Staatsarchiv: Politisches Archiv 1. c.). — Vgl. dazu auch den angeblichen Brief der Kaiserin Elisabeth an die Königin Margerita von Italien, der auszugsweise veröffentlicht ist bei W. Wächtler, Österreichs Kaiser Franz Josef I. Sein Leben und Streben. Ein Volksbuch für Jugend und Erwachsene. 2. Aufl. (Patriotische Jugend- und Volks-Bibliothek. I. Band. Wien, Verlag Austria, Drescher u. Comp. 1890) S. 114 f.; darnach auch T’serclaes 2, S. 214 und sodann Schmidlin 2, S. 475. Wie bereits T’s e r c 1 a e s 1. c. bemerkt, erscheint es kaum denkbar, daß ein höherer österreichischer Geistlicher — Wächtler war Pfarrer in Pode- sam, Diözese Leitmeritz und Ehrenkanonikus (vgl. Catalogus Cleri der Diözese Leitmeritz 1890) — in einem in einem Wiener Verlag erschienenen Volksbuche einen gefälschten Brief der Kaiserin von Österreich hätte veröffentlichen können; man wird daher doch wohl die Echtheit dieses Briefes anzunehmen haben. 4) April und Mai 1903 Besuch des Königs von England und des Deutschen Kaisers in Rom; Oktober 1903 Verschiebung des Zarenbesuches in Rom. Diese und die folgenden Daten nach Schulthess’ Europäischer Geschichtskalender, herausgegeben von Ernst Roloff 41—45, 1900—1904.