Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 5. (1952)

HAUPTMANN, Ferdinand: Österreich-Ungarns Werben um Serbien 1878–1881

242 Ferdinand Hauptmann das Beispiel gegeben hatte. Denn wie dieses sich hinter Bulgarien gestellt hatte, so nun Österreich hinter Serbien. Freilich war die Labilität der politischen Strömungen in Serbien so groß, daß eine Annexion Bosniens und vor allem ein weiteres Vordringen Österreichs „au déla de Mitrovitza“ unfehlbar den österreichischen Kurs dort unmöglich gemacht und die Serben trotz aller trüben Erfahrungen in die Hände Rußlands getrieben hätte. Die Überzeugung von der territorialen Sättigung und Uneigennützigkeit Österreichs im Oriente bei den Serben zu wecken, war deshalb der dringendste Wunsch Wiens. Die Verpflichtung zu freundlicher Haltung gegenüber Serbien, zur Unterdrückung aller feind­lichen Umtriebe gegen dieses Land und seine Dynastie, sind Ausdrücke dieser „Enthaltsamkeit“ 5S). Nachdem sich Rußland geweigert hatte, sich im Drei-Kaiser-Bündnisse irgendwie positiver zu binden, daß es nicht an der Beschleunigung der bulgarischen Union arbeiten werde, bestand für Österreich kein Grund, Serbien an einem Vordringen gegen Süden zu hindern. So ist der Vertrag angeblich auf „Erhaltung des Friedens und der Ruhe der Balkanländer gerichtet“ ®4), und doch behandelt er die Frage der serbischen Expansion. Entsprechend der russischen Klausel im Drei-Kaiser-Bündnisse, daß die bulgarische Union von den drei Mächten anerkannt werde „si cette question vénáit ä surgir par la force des choses“, lautet die Klausel bezüglich der serbischen Expansion im Geheimvertrage dem Sinne nach gleich: „si par suite d’un concours d’évenements, dönt le développement n’est pas ä prévoir aujourd’hui, la Serbie était en mesure de faire des acquisitions terri­toriales...“ (Art. VII). Österreich hatte somit die eigene Expansion gegen Saloniki vollkommen zugunsten Serbiens aufgegeben. Selbst blieb es an den Grenzen von Novi Pazar stehen. War Serbien sein Verbündeter, so brauchte es gegen den russischen Einfluß keinen besseren Schutz auf dem Balkan. Die öster­reichischen Interessen mußten in diesem Falle sich mit den serbischen decken. Deshalb auch die Klausel im Vertragsprojekt, daß ein Angriff der Türkei oder über ihr Gebiet hinweg gegen Serbien als gegen die Macht­grenze der Monarchie gerichtet, die Cooperation der österreichischen und serbischen Armee herbeiführen könnte 5S), und das Versprechen, verhindern zu wollen „daß Neubildungen entstehen, welchen die Dynastie, die staatliche oder nationale Eigenart Serbiens unmittelbar oder im Laufe der Zeiten zum Opfer fallen könnte“ 56). In diesem Zusammenhänge aber war es nur zu verständlich, daß Hay- merle selbst an einen Zollverein und die schriftliche Fixierung einer über­einstimmenden Außenpolitik dachte, die Österreich erlaubt hätte, „in der intensiven und extensiven Erstarkung eines national serbischen unabhängigen Staates nicht nur keine Schädigung seiner Interessen, son­dern eine Bürgschaft des Friedens im Oriente und der guten nachbarlichen Beziehungen“ zu erblicken 57). Denn, wenn Serbien seinen Blick von Bosnien

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