Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 5. (1952)
HAUPTMANN, Ferdinand: Österreich-Ungarns Werben um Serbien 1878–1881
Österreich-Ungarns Werben um Serbien 1878—1881 211 um auf diese Weise „das Übergewicht des Geistes über die bloße Zahl" herzustellen 116). Bei den vielfach auch unpopulären Maßnahmen der Regierung bestand aber die Gefahr, die eigene Anhängerschaft an die Opposition oder auch Halbopposition (der Radikalen) zu verlieren. Das Parteiwesen war damals erst im Anfangsstadium; die Parteien formierten sich erst unter diesem Ministerium und bei der Kürze der Entwicklung und auch dem Fehlen einer starken Mittelschicht war und konnte die Stellungnahme des einzelnen noch nicht fest und unwiderruflich getroffen sein. Anfangs schien es zwar, daß die Regierung auf sicherer Basis aufgebaut war, da während der Wahlen die Radikalen mit den Fortschrittlern gemeinsam aufgetreten waren. Jedoch das rein aus Fortschrittlern gebildete Ministerium versetzte dieser Eintracht den ersten Stoß. Als nach der Eröffnung der Skupstina die Radikalen sich offen als politische Partei konstituierten und in ihren Reihen fast die Hälfte aller Abgeordneten zählten, drohte Pirocanac mit der Demission. Um diese zu vermeiden, stellte Pasié, der Führer der Radikalen, seinen Abgeordneten frei, sich auch in die Fortschrittspartei einzuschreiben; im Notfälle war er geneigt, dem Ministerium so viel Abgeordnete leihweise zu überlassen, als dieses zur Erlangung der parlamentarischen Mehrheit benötigte m). Obwohl im ersten Jahr die Eintracht zwischen diesen zwei Parteien noch halbwegs aufrechterhalten blieb, waren doch die Pacht- und Leihgeschäfte in der Skupstina ein schlechtes Zeichen für die Stellung und Stärke der Regierung, gerade in Anbetracht der Politik, die sie im Inneren und gegen auswärts befolgen wollte. Der Fürst war aber auf diese Partei angewiesen, da er zur Durchführung seiner Anlehnung an Österreich kein anderes Ministerium berufen konnte. Die Liberalen mit Ristic waren eben erst im Kampfe gegen Österreich gefallen und die Radikalen schienen ihm nicht regierungsfähig. So blieb nur eine aus Fortschrittlern gebildete Regierung als Ausweg, um zum erstrebten Ziele zu gelangen. Deshalb mußte aber seine Regierung Erfolge aufweisen. Denn jeder Rückschlag, ob auf dem Felde der inneren oder äußeren Politik, bedeutete das Scheitern seiner eigenen Politik. Gegen die Hetze der Opposition mußte die Regierung dem Volke materielle Vorteile bieten können. In diesem Sinne bat der Fürst wiederholt Österreich um Zuvorkommen, einmal um baldigen Beginn der Verhandlungen, dann wieder um die Aufhebung der Grenzsperre für serbische Viehausfuhr118), und den Haupttrumpf sah er in einem baldigen Abschluß des Handelsvertrages mit Österreich119). Dieser Vertrag war gewissermaßen die Bürgschaft für den Bestand seiner jetzigen Regierung und die Durchführbarkeit seiner Politik. Der Fürst trieb fortwährend zur Eile und war sehr mißvergnügt, als im April 1881 der Vertrag noch nicht zustandegekommen war. Spätestens innerhalb eines Monats wünschte er ihn unter Dach gebracht. „Sollte sich diese Voraussetzung nicht erfüllen, so wäre dies, wie Seine Hoheit erklärte, 14*