Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 5. (1952)
HAUPTMANN, Ferdinand: Österreich-Ungarns Werben um Serbien 1878–1881
212 Ferdinand Hauptmann von größtem Nachteile nicht nur für die Stellung des Ministeriums, sondern persönlich für Ihn, nachdem Er Sich in allen wichtigen Fragen mit dem gegenwärtigen Ministerium identificirt habe“ 12°). Aus dem gleichen Interesse bemühte sich Österreich, der serbischen Regierung, wo immer möglich, an die Hand zu gehen. Mit peinlicher Sorgfalt befaßte sich Österreich mit der politischen Lage in Serbien, um sich ein genaues Bild von den Kräften zu machen, auf Grund deren es dann wirksam die serbische Regierung unterstützen könnte. Noch nie hatte Herbert so eingehend über die serbische Presse berichten müssen, wie in dieser ersten Zeit der neuen Regierung. Es war kein Zweifel, daß der Ton der Angriffe gegen die bestehende Regierung ein sehr heftiger war. An der Spitze stand Risric’ Leibblatt, der liberale „Istok“. Bei Besprechung der Handelsvertragsverhandlungen zerrte man das Verhältnis zum Nachbarstaate in allen Variationen an die Öffentlichkeit, um darauf hinzuweisen, daß es unmöglich sei, einen beide Seiten zufriedenstellenden Vertrag zu schließen, da Österreich nach der wirtschaftlichen Beherrschung Serbiens trachte. Gibt Serbien den österreichischen Forderungen nach, so fällt es nicht nur in die Interessensphäre dieses Staates, sondern es wird geradezu zu einer Provinz herabgedrückt. Demgegenüber bestünde die wahrhaft nationale, serbische Politik nur in der Unzertrennlichkeit Serbiens von dem großen mächtigen Bruderstaat Rußland, dessen Gunst man sich beeilen müsse zu bewahren, ganz gleich ob auch ein vorteilhafter Handelsvertrag mit Österreich mittlerweile zustandekäme. Ein Liebäugeln mit Österreich hieße nur den Verlust der Gunst Rußlands. Die Regierung verkannte nicht das Bestreben der Opposition, (hauptsächlich der liberalen), ihre Stellung in den Augen Österreichs zu diskreditieren. So ergriff „Istok“ die Ausrufung des Königreiches in Rumänien, um das gleiche für Serbien zu fordern, damit rechnend, daß man dadurch auf den österreichischen Widerstand stoßen würde121). Das Blatt der Radikalen dagegen, „Samouprava“ (Die Selbstverwaltung), lehnte die serbische Königsproklamation mit dem Hinweis auf den geringen tatsächlichen Nutzen und die erhöhten Auslagen ab122). Auch nach dem Handelsvertragsabschluß hörte Pinter vom Innenminister Garasanin, daß Ristic angeblich Verbindungen mit verdächtigen Elementen in Bosnien pflege, um auf diese Weise die Regierung in eine unangenehme Lage gegenüber Österreich zu versetzen123). Ein Aufruf des „Istok“ an die Abgeordneten noch während der Handelsvertragsverhandlungen lautete folgendermaßen: „Abgeordnete, Ihr sitzt weder in Galatz, noch in Wien, sondern in der Metropole des unabhängigen Serbien. Ihr werdet im gegebenen Momente das Schicksal unseres Landes nicht preisgeben und dasselbe zu den Füßen einer fremden Macht in eine neue und schwerere Sklaverei werfen, als jene, aus welcher wir uns erst kürzlich durch schwere Opfer losgekauft haben ...“ 124).