Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 4. (1951)
GOLDINGER, Walter: Archivwissenschaftliche Literatur der Jahre 1948–1951
314 Literaturberichte wandel nachzugehen und ihn aufzuzeigen, ist der Vorwurf des vorliegenden Werkes, das sich würdig an die Darstellungen Rankes, Brandis und Andreas reiht. Man kann über die konventionelle Epochenteilung Mittelalter, Neuzeit verschiedener Meinung sein, man kann wie die neuere Geschichtsschreibung fast allgemein dazu neigt, das Werden der Neuzeit ins 13. Jahrhundert zurückverlegen, eines wird jedoch festbleiben, das 16. Jahrhundert hebt sich klar und deutlich von früheren und folgenden Jahrhunderten ab. Diese Erwägungen rechtfertigen das selbständige Erscheinen des in der letzten Auflage der Propyläenweltgeschichte erschienenen Beitrages Gerhard R.s, den der Verlag Tempelhof in altbewährter Ausstattung vorlegt. R. entwickelt die Grundlagen und den geschichtlichen Ablauf dieser Epoche, das Werden der europäischen Staatenwelt, die großen geistesgeschichtlichen Auseinandersetzungen und die europäischen Machtkämpfe, welche bestimmt waren von Religion und Politik. Im Westen Europas bildete sich die Monarchie, sie schuf Kolonialstaaten eigener Prägung, in Italien dominierte der Renaissancestaat, die Umformung der Commune zur Signorie, die Mitte Europas, das Römische Reich, beschränkt auf die deutsche Nation, lebte als solches in älteren Formen fort, der moderne Staat entstand auf Reichsboden im Fürstenstaat. Das geistige Angesicht Europas war zerrissen, ein starker Naturalismus und ein starker Spiritualismus ließ die Geister an der sichtbaren Erscheinung der Kirche irre werden, besonders die Kirche als Rechtsgemeinschaft wurde negiert. Die Entwicklung Luthers, die uns R. mit großer Anschaulichkeit vor Augen führt, zeigt aber auch, daß die lutherische Kirche nicht der Rechtspersönlichkeit ermangeln konnte, wollte sie nicht im Schwarmgeistertum untergehen; daß dem Juristen Calvin das Recht unentbehrlich für die Verfassung seiner Kirche erschien, war nicht zu verwundern. R. zeigt auch die Gegenkräfte gegen die reformatorischen Kirchengründungen auf, die Sammlung der katholischen Kirche in einzelnen Zellen kirchlichen Lebens, in den neuen Orden und im gegenreformatorischen Papsttum. Gegen die Lehre von der Freiheit eines Christenmenschen und den Prädestinationsglauben stand die diskrete Liebe des Gründers der Gesellschaft Jesu, der nach der Umwandlung seines Herzens durch göttliche Kraft, das Irrewerden an der sichtbaren Kirche seiner Zeit überwand im Dienst an der hierarchischen Kirche come noble Caballero de Cristo. Wie der Verfasser in seiner blendenden Darstellung der europäischen Geschichte bis zum Vorabend des großen Krieges ausführte, durchdrangen Glaube und Politik einander, erst das Eingreifen der europäischen Mächte in einen lokalen Konflikt gab dem großen Krieg den Charakter eines europäischen Machtkampfes. Anna Hedwig Benna (Wien). Repertorium der diplomatischen Vertreter aller Länder seit dem Westfälischen Frieden (1648), veröffentlicht mit Unterstützung der United Nations Educational Scientific and Cultural Organisation und unter dem Patronat des Conseil International de la Philosophie et des Sciences Humaines vom Internationalen Ausschuß für Geschichtswissenschaften. Hrsg, unter der Leitung von Leo Santifaller nach den Beiträgen der Mitarbeiter in den einzelnen Ländern und den von Lothar Groß (f) hinterlassenen Vorarbeiten unter Mitwirkung von