Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 4. (1951)
GOLDINGER, Walter: Archivwissenschaftliche Literatur der Jahre 1948–1951
310 Literaturberichte Rahmen — der ergänzt wird durch die Herrschertafeln und Zeittabellen im Anhang —, in den er eine Zustandsschilderung der einzelnen Phasen, orientiert an den jeweiligen machtpolitischen, geistig-religiösen, ethnographischen und soziologischen Verhältnissen, besonders aber der volkskundlichen, wirtschafts- und siedlungsgeschichtlichen Situationen hineinstellt. So ist es möglich, daß auch der versierte Leser aus dem Studium dieses fesselnd und flüssig geschriebenen Handbuches, ohne daß deshalb sein Wert als Gesamtüberschau verringert wäre, für Einzelprobleme neue, wertvolle Erkenntnisse und Anregungen gewinnen kann. Die Stellungnahme zu den zwischen den Historikern der Nationen Südosteuropas immer wieder umstrittenen Fragen (wie der slawischen Landnahme, der rumänischalbanischen Kontinuität, des staatsrechtlichen Verhältnisses zwischen Ungarn und den „Nebenländern“, der Stellung des Habsburgerreiches und der Nätionalitätenfrage) erfolgt exakt nach dem derzeitigen Stand der wissenschaftlichen Forschung. Da ein Teil der genannten Kontroversen auch in die Gegenwartspolitik der Staaten Südosteuropas hineinspielt, ist jeder Schritt zur Gewinnung eines „objektiven Bildes der Geschichte Südosteuropas“ besonders dankenswert. Gerade in diesem Zusammenhang müssen aber gegen St.s Feststellung (Vorwort, S. 11): „Kleinen Völkern fehlt ... die zweite Voraussetzung echter Objektivität: das Bewußtsein äußerer Gesichertheit und — in unlöslichem Zusammenhang damit — die innere Ausgeglichenheit. Daher ist der Wissenschaftler, der aus einer großen Nation stammt und durch keinerlei innere Bande mit diesen ewigen Nachbarschaftsgegensätzen verknüpft ist, eher berufen, ein objektives Bild der Geschichte Südosteuropas zu zeichnen“, ernste Vorbehalte gemacht werden. Die deutsche Nation, als deren Angehöriger er seine Berufung zur objektiven Geschichtsdarstellung Südosteuropas geltend macht, ist kaum jemals in ihrer Geschichte im Zustand „äußerer Gesichertheit“ und „innerer Ausgeglichenheit“ gewesen, ihre Historiker waren bisher nicht in der Lage, ein unbestrittenes, objektives Bild der deutschen Geschichte zu entwerfen; daher ist dieser Ausdruck nationaler Überheblichkeit den Völkern Südosteuropas gegenüber, die gerade jetzt in der einmütigen Ablehnung des in der jüngsten Geschichte erlebten und durch völlige Unkenntnis der historischen Problematik Südosteuropas gekennzeichneten deutschen Chauvinismus zusammengefunden haben, fehl am Platze. Leider führt auch im Zuge der Darstellung ein überbetonter deutscher Nationalismus häufig zu für uns unannehmbaren Formulierungen; hier müßte vor allem bei einer etwaigen Neubearbeitung des Themas der Autor dem sonst so gut gewahrten Prinzip der Objektivität zum Durchbruch verhelfen. Im Nachstehenden sei noch auf einige Einzelstellen eingegangen. Die Verwendung von Ausdrücken wie „deutsche Vormachtstellung“, „Großmachtstellung des Deutschen Reiches“, „deutsche Oberhoheit“ (auch „Deutsches Reich“ auf Karte 7, S. 115, „Gebietsverhältnisse um 830“) in der Darstellung der Südostpolitik des Karolingerreiches ist ein unangebrachter Anachronismus. Die Wertung der Annahme des Christentums durch die politischen Führer noch heidnischer Völker als „politische und kulturelle Notwendigkeit“ (S. 146 ff.) ist diesen in der geistigen Welt des Mittelalters stehenden Menschen wohl fremd gewesen; die zur Christiani-