Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 4. (1951)

GOLDINGER, Walter: Archivwissenschaftliche Literatur der Jahre 1948–1951

Rezensionen 311 sierung gebrachten Quellenstellen müßten dem damaligen Denken gemäßer interpretiert werden. Die „Missionsarbeit, die geradezu als ein Anliegen der Reichspolitik erschien“ (S. 149), war nach den Theorien des mittel­alterlichen Kaisertums die erste und wichtigste Aufgabe des christlichen Imperators, der sich die „Anliegen der Reichspolitik“ durchaus ein-, bzw. unterordnen mußten. Der heilige Wenzel wurde nicht von der „christlichen Geschichtsschreibung“ so benannt (S. 150), sondern von der Kirche heilig­gesprochen. Die Kreuzzüge in einem Atem mit der Ostkolonisation des Hochmittelalters als „Ausklang der großen germanischen Völkerwanderung“ zu sehen und „ihre Fortsetzung in der überseeischen Kolonisation“ finden zu lassen (S. 167 f.), ist eine einseitig auf nur einem Faktor fußende, und nicht „universalgeschichtliche Betrachtungsweise“. „Die ostkirchliche Kulturwelt, alles was kirchlich, geistig und politisch nach Konstantinopel hin orientiert war, hatte seit dem 7. Jahrhundert die Idee des Glaubenskrieges nicht mehr gekannt“ (S. 171). Dieser befremdenden Feststellung gegenüber braucht man nur auf die Identität von Staats- und Kircheninteresse in Theorie und Praxis der byzantinisch­orthodoxen Welt hinzuweisen, um ebensogut behaupten zu können, man habe dort nur Glaubenskriege geführt. Die diplomatische Gleichstellung der abendländischen Völker mit den ungläubigen Mohammedanern mußte mit der wachsenden Entfremdung der im Schisma stehenden christlichen Konfessionen immer selbstverständlicher erscheinen. Die „Gleichgewichts­lage“ im Kampf gegen die Araber wurde im 10. und 11. Jahrhundert, etwa durch die Eroberungen der Kaiser Johannes Tzimiskes und Basilius II., wiederholt empfindlich gestört, anderseits war der Verlust Antiochias und der Hilfsappell des Kaisers Alexius I. an die Kurie das Auslösungsmoment des ersten Kreuzzuges. Kapitel 12, über die deutsche Südostkolonisation des hohen Mittelalters (S. 188 ff.), zeigt in der überschwänglichen Schilderung dieser „gewaltigen Flutwellen“ und „Siedlungsströme“ und der fast dürftigen Anführung von Tatsachenmaterial eine gewisse Diskrepanz; es wäre besonders zu be­merken, daß Stadt- und Dorfgründungen speziell der ungarischen und böhmischen Könige auf deren „Kammergut“ (Forste, Bergbaugebiete, an Handelsstraßen) mit Hilfe deutscher Einwanderer politisch eine Rolle nur durch Vermehrung der Machtmittel des Königtums spielen konnten, während auf den Landtagen durchaus der Adel dominierte, und daß „die deutsche Kulturausstrahlung nach Südosteuropa“ sich als mehr oder weniger zufälliges Nebenprodukt ganz anderer Absichten ergab. Hätte der Verfasser hier sich an die von ihm selbst S. 225 ff. (Kapitel 15, „Das Erwachen des Nationalbewußtseins“) gegebenen Definitionen gehalten, hätte er den hochmittelalterlichen Siedlungsvorgängen keine national­bewußten Motive zuordnen können. Auch die Ausführungen zur inneren Geschichte Ungarns und Böhmens am Ausgang des Mittelalters (S. 230 ff.) stehen allzusehr unter dem Gesichtswinkel des deutsch-magyarischen bzw. deutsch-tschechischen Gegensatzes, während es sich dabei in erster Linie doch um ein Ringen um politische und wirtschaftliche Positionen zwischen Herrschern und Untertanen oder zwischen den einzelnen Ständen in der mittelalterlichen Ordnung handelte, nationale Ressentiments aber erst

Next

/
Oldalképek
Tartalom