Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 4. (1951)

GOLDINGER, Walter: Archivwissenschaftliche Literatur der Jahre 1948–1951

Rezensionen 309 bei Belgrad südwärts zur Adria führende Linie, die Diokletian zur Scheide­linie zwischen Ost- und Westrom machte, nicht nur als kulturelle, sondern wesentlich religiös-geistige Grenzlinie des Abendlandes, obwohl sie von kriegerischen Expansionen oft zu negieren versucht wurde, obwohl ander­seits die stammverwandten Serben und Kroaten zu beiden Seiten derselben ihre Wohnsitze haben, Gültigkeit besitzt für alle Epochen der süd^st- europäischen Geschichte ? Die Auseinandersetzung zwischen Abendland und byzantinisch-orthodoxer Welt ist durchaus geeignet, das Rückgrat für die Darstellung Südosteuropas zu geben, in den Rahmen dieser Polarität hineingestellt, gewinnt die Vielfalt der einzelnen Vorfälle europäische und allgemeinhistorische Bedeutung. Der Verfasser hat — obwohl er als Schüler Carl Patsch’, des Verfassers der „Beiträge zur Völkerkunde von Südost­europa“, und Franz Dölgers, des Nestors der deutschen Byzantinistik, dem auch das vorliegende Werk gewidmet ist, mit dieser Polarität wohl vertraut ist — ihre Darstellung im wesentlichen vermieden (kurze Erörte­rungen darüber finden sich u. a. S. 162 ff. und 228 f.). Dies dürfte nicht nur durch die Einbeziehung der Geschichte Österreichs und der Sudeten­länder, die sich schwer darauf hinordnen ließe, bedingt, sondern in einer grund­sätzlichen Ablehnung geistesgeschichtlicher Betrachtung gelegen sein. So durchlaufen fast das ganze Buch getrennte Schilderungen der Zustände und Ereignisse in dem einen oder dem anderen der beiden Teilbereiche, eine Zweiteilung, die ja durch Quellen und Literatur vorgezeichnet ist, die aber bei Berührungspunkten störende Wiederholungen mit sich bringt. Es wird daher weiterhin Aufgabe der Wissenschaft bleiben, St.s lapidare Feststellung: „Die einzelnen Teilräume lebten ihre eigene Geschichte“, durch den Versuch einer Synthese im Sinne der angeführten Polarität zu entkräften. Nach der kurzen, auf topographische, Verkehrs- und wirtschaftspolitische Angaben beschränkten Einleitung, in der besonders das Fehlen der ethno­graphischen Struktur in vor- und frühgeschichtlicher Zeit auffällt, läßt St. die Geschichte Südosteuropas mit dem Fußfassen der Römer an der dalmatinischen Küste einsetzen. Dies ist für diese Küstengebiete selbst im großen und ganzen, keineswegs aber für ganz Südosteuropa zutreffend. Die vorhellenischen Kulturen, die hellenischen Wanderungen und die Land­nahme, Koloniengründung und Perserkriege, die Machtentfaltung Athens und die innerhellenische Auseinandersetzung, schließlich die Entwicklung Mazedoniens zur Großmacht und seine Rolle als Wiege des alexandrinischen Weltreiches hätten in einer Geschichte Südosteuropas unseres Erachtens — sei es auch nur auf wenigen Seiten — ihren Platz zu beanspruchen; zumindest wäre St. seinen Lesern eine Erklärung für das völlige Übergehen dieser nicht nur für Südosteuropa selbst, sondern auch für seine europäische Stellung wesentlichen Abschnitte seiner Geschichte schuldig gewesen. So bleibt nur der unbefriedigende Eindruck, daß die politisch dekadenten Griechen als wehrlose Beute der römischen Expansion und Mazedonien als dem Untergang geweihter Diadochenstaat in die Darstellung eintreten. Das Problem der Bewältigung des überreichen Stoffes, der den Zeitraum von 230 v. Chr. bis 1914 umspannt, hat St. in glücklicher Weise gelöst; er beschränkt die Daten und Namen auf einen unbedingt nötigen historischen

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