Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 3. (1950) – Leo Santifaller Festschrift
GOLDINGER, Walter: Von Solferino bis zum Oktoberdiplom
126 Walter Goldinger, Von Solferino bis zum Oktoberdiplom Letzten Endes handelt es sich doch um einen von den Mitwirkenden sehr ernst genommenen Epilog auf die alte, nicht mehr wiederkehrende Funktion des österreichischen Adels. Zeitströmungen und persönliche Beziehungen haben dabei das englische Vorbild stark in den Vordergrund gerückt. Der Kampf, der gegen den zentralistischen Bürokratismus geführt wurde, dem der Gedanke eines Selfgovernment entgegengesetzt wurde, ist gewiß ein schwerer Angriff gegen den seit Maria Theresia und Josef II. sich allmählich herausbildenden Einheitsund Obrigkeitsstaat gewesen. Man wird Josef Redlich den Vorwurf nicht ersparen können, daß er diesem Staatstyp in Verbindung mit dem modernen Verfassungsstaat allein historische Berechtigung zuerkannt hat. Seine Werturteile, die nur diesen Maßstab verwenden, müssen daher mit mancher Einschränkung verstanden werden. Er spricht selbst von einer Scheinkonstitution und Scheinautonomie, die das Oktoberdiplom gebracht habe. Aber der Autonomiegedanke, der eine mehrfache Tönung aufweist, eine konservative und eine liberale, sei doch ein wesentliches Element in der weiteren Verfassungsentwicklung der westlichen Reichshälfte geworden l). Allen Versuchen, die in den 16 Monaten zwischen Solferino und dem Oktoberdiplom unternommen wurden, haften sicherlich viele Mängel an. Sie haben die Lösung der Staatskrise nicht herbeigeführt und sind am Ende gescheitert. Jene Kräfte, die dabei wirksam wurden, decken sich aber nicht vollständig mit dem individuellen Handeln der beteiligten Personen, die manchen Irrtümern unterworfen waren und mehr als einen Fehlgriff begingen. Auch die Last der Vergangenheit kam dabei zur Geltung. Der Versuch zu einer Neuordnung des österreichischen Staates, den damals Männer wie Heinrich Clam und Leo Thun unternommen haben, ist er nicht eine in ihren historischen Voraussetzungen den Beteiligten vielleicht selbst nicht voll bewußte Enthüllung zweier Grundkräfte der österreichischen Geschichte, von Autonomie und Föderalismus, der Eigenständigkeit der Länder gegenüber den sie überwölbenden höheren Einheiten ? Nur daß für die Altkonservativen der Gedanke der ungarischen politischen Nation, in dem sich Historisches und moderne Ideen verbanden, eine lebendige Realität bedeutete, während ihre Standesgenossen in Österreich in einer ihnen selbst kaum erkennbaren Weise um das alte Problem von Land und Herrschaft zu ringen hatten, in einer Welt, der diese Begriffe längst fremd geworden waren. x x) Ebenda, 663.