Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 3. (1950) – Leo Santifaller Festschrift

GOLDINGER, Walter: Von Solferino bis zum Oktoberdiplom

Von Solferino bis zum Oktoberdiplom 125 von Oberflächlichkeit und Dilletantismus jener Kreise oder von politischem Alchimismus sprechen 1) ? Gewiß, ein klares Erfassen der unaufhaltsam an die Oberfläche drängenden konstitutionellen Tendenzen und ein rechtzeitiges Anpassen an diese Erfordernisse war sowohl dem Kaiser wie seinen höfischen Ratgebern diesseits und jenseits der Leitha damals nicht gegeben. Hatten aber die ungarischen Altkonservativen, die sich nach den dortigen historischen Voraussetzungen als die politische Nation ihres Landes fühlen durften, in der auch von ihnen festgehaltenen Forderung nach einer „Restitutio in integrum“ des Verfassungslebens in Ungarn eine Brücke, durch die sie auch mit den liberalen und revolutionären Elementen verbunden waren, so fehlten für die österreichischen Feudalen ähnliche Voraussetzungen. Was diese in jener Situation nach dem Schiffbruch des Absolu­tismus unternehmen konnten, war der Versuch, die alte Adelswelt, die längst versunken war, in der ihnen zeitgemäß erscheinenden Form neuständischer Einrichtungen Wiedererstehen zu lassen und damit den notwendigen Umbau des Staates zu verbinden. Das hieß zunächst einmal, den alten Adel, der funktionslos zu werden begann, in Staat und Gesellschaft wieder zur Geltung zu bringen 2). Sicherlich haben dabei sehr reale Interessen des Großgrundbesitzes auch eine Rolle gespielt. An eine völlige Rückkehr zu den Zuständen vor 1848 hat aber nicht einmal Fürst Windischgrätz gedacht. Diese konservative Politik war sehr stark beeinflußt durch die Staatslehre Rudolf von Gneists, die auch auf Perthaler, den Mit­schöpfer des Februarpatents eingewirkt hat3). Es mag schon sein, daß das Vertrauen auf die Wirkung rein geistiger Mittel nirgends so wenig berechtigt ist als im politischen Kampf innerhalb der modernen Gesellschaft, wie Josef Redlich gesagt hat 4). Es will aber doch scheinen, daß in dem Handeln jener Hochadeligen, die sich damals in schwerer Bedrängnis an das Steuer des Staatsschiffes zu stellen suchten, mehr erkennbar wird als bloß die Ausstrahlung zeitgenössischer Lehrmeinungen. 1) Redlich, a. a. O., 650 ff. 2) OttoBrunner, Adeliges Landleben und europäischer Geist (1949), 324 ff. Über dieHaltungdesF ürsten W indischgrät z in diesen Fragen vgl .Paul Müller, a .a. O.,322ff. 3) Redlich, a. a. O., 715 ff.; Kuranda, Johann Perthaler. Neue öster­reichische Biographie, 5, 102—113; Görlich, Zur geistigen Gestalt Hans von Pert halers, Ztschr. f. deutsche Geistesgeschichte, 1 (1935), 188—193. 4) Redlich, a. a. O., 650.

Next

/
Oldalképek
Tartalom