Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 3. (1950) – Leo Santifaller Festschrift
GOLDINGER, Walter: Von Solferino bis zum Oktoberdiplom
124 Walter Goldinger das Ergebnis der Verständigung mit den Ungarn das sein soll, daß er diese Dinge doch aus meinen Händen nehmen muß, um sie Leuten zu übergeben, die Simonie damit treiben, soll das das Merkmal des Kaisers von Gottes Gnaden sein?“ Franz Joseph trachtete offenbar, den Kultusminister als Mann des Konkordats zu halten, der davon überzeugt war, daß seine Feinde in Ungarn die erbittertsten Gegner dieses umstrittenen Instruments seien. Und abschließend stellt er fest: „Die katholische Richtung und Gewissenhaftigkeit des Kaisers war das Große an seiner bisherigen Regierung; bringt er diese der Politik zum Opfer, dann suche den Punkt, wo du seine Größe noch fassen kannst!“ Man sieht, Graf Thun, dieser treue Vasall und Paladin seines Herrschers, war in dieser Stunde an der Person des Monarchen irregeworden. Umgekehrt hat ihn der Kaiser, trotzdem er für ihn den Repräsentanten des Konkordates darstellte, ziehen lassen. Das wirft die Frage auf, an die Prüfung jener Anschauungen heranzutreten, die Josef Redlich in seinen grundlegenden Untersuchungen über das österreichische Staats- und Reichsproblem in dieser Hinsicht vertreten hat, und zu überlegen, ob er mit seiner Darstellung den Bestrebungen, die zwischen Solferino und dem Oktoberdiplom vom böhmischen und österreichischen Hochadel zur Lösung der Staatskrise in die Wege geleitet worden sind, in vollem Ausmaß gerecht geworden ist. Oder ob nicht eine Fragestellung, die nicht von dem Modell des Verfassungsstaates des späten 19. Jahrhunderts ausgeht, zu einer teilweise abweichenden Ansicht kommen muß, in der die historische Bedingtheit jener Episode ohne Anlegung moderner Wertmaßstäbe viel klarer hervortritt. Das Oktoberdiplom ist gescheitert, daran ist kein Zweifel. Indes, auch das ihm nachfolgende Februarpatent teilte das gleiche Schicksal. Es lag nahe, dafür in erster Linie jene Männer verantwortlich zu machen, die am Zustandekommen dieser Staatsaktionen in erster Linie beteiligt waren. Dieses Urteil trifft aber jene österreichischen Hochadeligen, die daran mitgewirkt haben, also die Mehrheit des verstärkten Reichsrates, in der Ministerkonferenz den Grafen Leo Thun, nur in beschränktem Maße. Einmal sind die letzten Entscheidungen Franz Josephs im Sinne von Goluchowski gegen die Anschauungen und Vorschläge der Feudalen in Österreich gefallen, ja haben beinahe zu einem persönlichen Bruch geführt. Es ist jedoch nicht zu verkennen, daß die politischen Ideen der Aristokratie weitgehend Berücksichtigung gefunden hatten. Darf man aber deshalb