Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 3. (1950) – Leo Santifaller Festschrift
GOLDINGER, Walter: Von Solferino bis zum Oktoberdiplom
Von Solferino bis zum Oktoberdiplom 123 getroffen. Zwiespältig blieben noch die Auffassungen über den Begriff der „autonomen Verwaltung“ und ebenso fand die prinzipielle Frage die von Thun aufgeworfen wurde, ob sich nämlich nicht eine Rekonstruktion des Ministeriums als notwendig erweise, zunächst keine Lösung. Die endgültige Fassung wurde erst 14 Tage später gefunden, nachdem sich der Kaiser dem Standpunkt der ungarischen Altkonservativen angeschlossen hatte. An der unter seinem Vorsitz am 16. Oktober abgehaltenen Konferenz nahmen aber die beiden Minister Nádasdy und Thun nicht mehr teil. Beide mußten als Leiter des Unterrichts- und des Justizressorts nach den Bestimmungen des Oktoberdiploms ausscheiden. Die sich auf Ungarn erstreckenden Kompetenzen erloschen und die Behandlung der erbländischen Agenden fiel nunmehr dem Staatsministerium zu x). Es waren aber doch tiefere Gründe, die den Rücktritt Thuns herbeigeführt hatten. Sein Programm, die politischen Ideen der österreichischen Adelspartei, zu deren Sprecher er sich in den Ministerkonferenzen gemacht hatte, war nur zum Teil durchgesetzt worden, er fühlte sich immer stärker isoliert und seine Stellung immer schwankender werden. Aus dem Kreise des Reichsrates würden, so hielt er dem Kaiser vor Augen, Wege vorgeschlagen, auf denen auch nach seiner Überzeugung die Rettung aus den großen Gefahren gefunden werden könnte — er meinte das Mehrheitsgutachten — und er müsse Zusehen, wie diese Anträge ohne Prüfung verworfen würden; wenn aber diese Grundsätze, die auch die seinigen wären, nicht nach Beendigung des Reichsrates zur Geltung kämen, dann sei auch er politisch vollständig geschlagen. Die beabsichtigten Maßregeln würden nur die politische Verwirrung erhöhen. Thuns Gegensatz zu Goluchowski war unüberbrückbar geworden. Aber auch der Kaiser hat sich der Doktrin der Feudalkonservativen, wie sie Clam und Thun vertraten, nicht angeschlossen. Dramatisch müssen die Auseinandersetzungen gewesen sein, die sich zwischen Franz Joseph und dem bedeutendsten Unterrichtsminister, den er gehabt hat, in diesem Stadium, an der Monatswende vom September zum Oktober 1860, abgespielt haben 2). Thun berichtet darüber, er habe dem Kaiser das Bild eines Monarchen von Gottes Gnaden vor Augen gestellt. Dieser hätte den Wunsch geäußert, er möge bleiben, weil er die katholischen Angelegenheiten in seinen Händen sicher wüßte. Thun vermerkt dazu: „Wenn b Ebenda, 627. 2) Nachlaß Thun: D 617, 633.