Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 3. (1950) – Leo Santifaller Festschrift

GOLDINGER, Walter: Von Solferino bis zum Oktoberdiplom

122 Walter Goldinger vom 25. und 26. August 1860 sind jene Linien abgesteckt worden, nicht bloß im Prinzipiellen, sondern auch über die Details der administra­tiven Durchführung, die zwei Monate später zum Oktoberdiplom und in weiterer Folge zur Einrichtung des Dualismus geführt haben 4). Das Zusammenspiel der ungarischen Altkonservativen und der österreichischen Adelspartei, die durch Clam vertreten war — Thun erscheint nicht unter den Teilnehmern — verfehlte nicht seine Wirkung auf Franz Joseph. Wohl hat sich der Kaiser seine endgültige Schluß­fassung noch Vorbehalten, aber seine Schwenkung und Annäherung an das ungarische Programm wird von da ab klar. Männer mit politischem Blick, die anderen Anschauungen huldigten, haben das bald erfaßt. Kardinal Rauscher sprach in einem Brief an Rechberg von einem Aufgeben des Kaisertums Österreich, er war sich klar darüber, daß man in diesem Augenblick die Ungarn nur durch eine Personalunion und einen Landtag zufriedenstellen könnte2). Und die Folgerung, die er daraus zog, bestand darin, daß eine Konstitution besser oder doch ein kleineres Übel sei als 21 Konstitutionen. Franz Hein, der liberale Vizebürgermeister von Troppau, der dem ver­stärkten Reichsrat angehörte, warnte ebenfalls in einem Schreiben an Rechberg vor dem Dualismus3). Sein Gesinnungsfreund Ignaz Plener hatte als Leiter des Finanzministeriums zwar Gelegenheit, in der Sitzung der Ministerkonferenz vom 2. Oktober seinen Standpunkt zu vertreten, und hat dies mit anerkennenswerter Offenheit getan 4); trotzdem glaubte er noch am 11. Rechberg vor Überstürzungen warnen zu müssen 5), die sich aus der bevorstehenden Kaiserreise nach Warschau ergeben könnten. In der Sache selbst warnte er vor zu weit gehenden Zugeständnissen an Ungarn. Sie würden der Anfang vom Ende sein. Man hatte den Weg gewählt, das Programm auf das man sich in der Ministerkonferenz geeinigt hatte, in Form eines aller­untertänigsten Vortrages dem Kaiser zu unterbreiten ®). Doch wurde darüber, wie erwähnt, am 2. Oktober noch keine Entscheidung x x) Redlich, a. a. O., 2, 685 ff. Der dort wiedergegebene Text der Protokolle, die im Nachlaß Rechberg, a. a. O., Fasz. 524, g 2, erliegen, ist aber nicht frei von sinnstörenden Fehlern (z. B. „patriotisch“ statt „patriarchalisch“). 2) Nachlaß Rechberg, Brief vom 26. September. 3) Ebenda, Brief vom 7. Oktober. 4) Redlich, a. a. O., 607 ff. 5) Nachlaß Rechberg: Brief vom 11. Oktober. In einem weiteren Schreiben vom 18. Oktober versichert Plener, daß er seine Rücktrittsabsichten auf Wunsch des Kaisers bloß aufgeschoben habe. 6) Redlich, a. a. O., 1/1, 597.

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