Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 3. (1950) – Leo Santifaller Festschrift

GOLDINGER, Walter: Von Solferino bis zum Oktoberdiplom

120 Walter Goldinger Einfluß auf dem Lande in die Hände von Gemeindeschreibern und Notaren kommen. War so die Frage der Gemeindeordnung zu einem Angelpunkt des Programmes der Feudal-Konservativen geworden, so fehlte dieser Angelegenheit doch jenes Ausmaß der unmittelbaren Dringlichkeit, die in Ungarn die Neuordnung der Komitatsverfassung zum Gebot der Stunde machte. Man mußte sich dabei überhaupt erst klar werden, ob und unter welchen Bedingungen man überhaupt daran denken könnte. Denn in der Gentry, im kleinen Komitatsadel, lag das Zentrum der Widerstandsbewegung in Ungarn und der Keim zur Revolution und Anarchie, die dort auszubrechen drohten. Über die Behandlung dieses Problems ergaben sich im Sommer 1860 Meinungsverschieden­heiten zwischen Goluchowski und Rechberg, der darob entlassen werden sollte. Diese Gegensätze bestanden aber schon seit längerer Zeit. Bereits in den Ministerkonferenzen, die der Enthebung des Erzherzogs Albrecht und dem kaiserlichen Handschreiben vom 11). April über die Wiedereinführung der Komitatsverfassung voran­gingen, tritt das zutage. Jetzt glaubte auch Thun den Kaiser vor einem Sturz in den Abgrund warnen zu müssen, er werde, wenn es der Kaiser befehle, mitspringen, jedoch in der festen Überzeugung, daß das erwartete Wunder nicht eintreten werde. Ich bin für Komitats­verfassung und einen Landtag, aber nur unter der Bedingung, daß man der Mitwirkung eines Teiles der Ungarn dabei gewiß ist. Ohne diese Bedingung ist es unausführbar und der Versuch unverantwort­licher Leichtsinn. Was Goluchowski plane, sei als Tollkühnheit zu bezeichnen. Ohne Beistand von einflußreichen Ungarn im Ministerium Ungarn zu regieren, sei unmöglich. Man erkennt die Fäden, die die ungarischen Altkonservativen gesponnen hatten. Thun war der Meinung, daß sich der Kaiser von diesem Wege selbst keinen Vorteil erwartete, er wolle nur, ehe er zur äußersten Gewalt greife, kein Mittel unversucht lassen. Wieder wurden Personenfragen aufgeworfen und Ministerlisten verfertigt. Wer werde sich bereit finden, das Amt des Justizministers zu übernehmen oder der Nachfolger Rechbergs zu werden, der sich immerhin im Ausland einiges Vertrauen erworben habe 1). Über die Gefährlichkeit der Lage in Ungarn bestand kein Zweifel und die Berichterstattung Benedeks unterstrich dieses Moment. Der Kaiser hatte zwar in der Ministerkonferenz vom 29. Juni den festen Willen kundgetan, „keine Beschränkung der monarchischen ») D 580, 624, 630.

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