Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 3. (1950) – Leo Santifaller Festschrift

GOLDINGER, Walter: Von Solferino bis zum Oktoberdiplom

Von Solferino bis zum Oktoberdiplom 113 gewonnen werden kann für eine wesentlich andere als jene moderne liberale Richtung“. So erschien denn fünf Wochen nach dem Laxenbnrger Manifest am 22. August in der ,,Wiener Zeitung“ jener Artikel, der das Regierungs - Programm enthielt '). Er stammte aus der Feder Hübners. Thun war nicht damit einverstanden und verlangte in der Konferenz beim Kaiser am Tage vorher wesentliche Änderungen. Er versah dann den Text mit einigen Glossen und schickte schließlich eine Neufassung an Hübner. Thuns Wünsche fanden jedoch nur an zwei Stellen Berück­sichtigung. Er setzte durch, daß statt von einer „Übereinstimmung und Gleichartigkeit der Ansichten in den höchsten Kreisen“ von einer „Verständigung über so manche Bedingungen erfolgreicher Tätigkeit der obersten Verwaltungsorgane“ gesprochen wurde. An die Stelle des Passus „das Gemeindegesetz noch bis Ablauf des Jahres den örtlichen Verhältnissen anzupassen“ trat auf Thuns Drängen die konkretere, seiner Auffassung näherkommende Fassung: „Das Bedürfnis einen wesentlichen Teil der Geschäfte, welche jetzt von landesfürstlichen Beamten besorgt werden, den Beteiligten zu über­tragen und auf diesem Wege zur Bildung ständischer Vertretungen in den verschiedenen Kronländern zu gelangen“ 2). Auf die innige Verflechtung aller die Monarchie berührenden Probleme und den engen Zusammenhang der Durchführbarkeit aller Reformen auf dem Gebiete der Innenpolitik mit der ungelösten ungarischen Frage ist schon hingewiesen worden. Das trat wiederum sinnfällig in Erscheinung, als das Protestantenpatent, das Anfang September erlassen wurde, jenseits der Leitha zu einem revolutionären Sprengkörper zu werden drohte. Protestantische Kirchenhistoriker haben darüber eindringliche Untersuchungen angestellt und gegen den Kultusminister Thun wurden vielfach schwere Vorwürfe erhoben. Die gegensätzlichen Meinungen haben sich im allgemeinen dahin abgeklärt, daß Thun, der bewußte Katholik, für die religiöse Seite des Problems mehr Verständnis aufgebracht hat als Schmerling, der sich wesentlich von politischen, stark josephinisch angehauchten Anschauungen leiten ließ, aus dessen Hand allerdings die evange­lische Kirche in Österreich am Ende ihre Magna Charta erhalten hat und ihm dafür in Dankbarkeit verpflichtet blieb 3). *) *) Kolmer, a. a. O., 24. 2) D 518. 3) Franz Zimmermann, Das Ministerium Thun für die Evangelischen im Gesamtstaate Österreich 1849—1860 (1926); K. Völker, Das Zustandekommen

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