Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 3. (1950) – Leo Santifaller Festschrift
GOLDINGER, Walter: Von Solferino bis zum Oktoberdiplom
Von Solferino bis zum Oktoberdiplom 107 Hübners *) den Weg in die Öffentlichkeit gefunden. In diesen beiden Arbeiten überwiegt allerdings das Interesse für die Fragen der Außenpolitik, wahrend die Wirksamkeit der beiden Männer im Rahmen der schwierigen innerstaatlichen Problematik, vorab in der Krisenzeit von 1859/60, zu sehr in den Hintergrund tritt. Dies ist um so mehr zu bedauern, als die Quellenlage günstig ist. Heben den Protokollen der Ministerkonferenz, auf die sich Josef Redlich in der Hauptsache stützt, liegt im Nachlaß Rechbergs 2) weiteres gewichtiges Material vor, dessen Auswertung erst zum Teil erfolgt ist. Eine wesentliche Erweiterung der Tatsachenkenntnis über die im allgemeinen bekannten Ereignisse und eine vertiefte Einsicht in ihren Ablauf vermittelt aber der Nachlaß des Grafen Leo Thun3), dessen Bedeutung als Leiter des Unterrichtsressorts unbestritten ist, dessen Wirken als Staatsmann, als Repräsentant jener konservativ-feudalen Adelskreise, die aus ihrem Geist und aus ihrer Welt die schwere Krise nach Solferino zu meistern versuchten, noch zu wenig bekannt ist. Sein Nachlaß gewährt in solchem Ausmaß Einblick in seine Arbeitsweise, seine Eigenart, die wichtigsten Fragen in eigenhändigen Niederschriften zu seinem eigenen Gebrauch zu beleuchten, seine Gewohnheit, die Gedanken, die er im mündlichen Vortrag dem Kaiser vorzustellen beabsichtigte, vorher schriftlich zu fixieren, stellen als eine Art „Audienzmemorialiori eine ansonsten so seltene Überlieferung dar, daß man ihnen unter Berücksichtigung der geistig und sittlich hochstehenden Persönlichkeit des Grafen wird volles Vertrauen schenken dürfen. Dadurch gewinnt aber das Bild, das wir uns bisher von den Monaten zwischen Solferino und der Erlassung des Oktoberdiploms machen konnten — im Zusammenhang damit ist Thun als Minister zurückgetreten — bedeutend an Inhalt und Farbe. !) F. Engel-Jánosi, Der Freiherr von Hübner 1811 —1892. Eine Gestalt aus dem Österreich Kaiser Franz Josephs (1933). 2) Haus-, Hof- und Staatsarchiv: Politisches Archiv des Ministeriums des Äußern, Fasz. 524, g 1 und g 2. 3) S. Frankfurter, Allgemeine deutsche Biographie, 38, 178 ff.; Eduard Winter, Leo Thun. Sudetendeutsche Lebensbilder (1934), 301 ff. Die Arbeiten, die sich mit seiner Tätigkeit als Unterrichtsminister befassen, können hier außer Betracht bleiben. Über seinen Nachlaß vgl. Archivalien zur neueren Geschichte Österreichs, 1 (1913), 512—517. Das Familienarchiv befand sich in Tetschen an der Elbe und war der Benützung stets in weitgehendem Maße zugänglich. Der Besitz ist nunmehr verstaatlicht, der Nachlaß war lange Zeit von der tschechoslowakischen Archivverwaltung an das Haus-, Hof- und Staatsarchiv entlehnt.