Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 3. (1950) – Leo Santifaller Festschrift
GOLDINGER, Walter: Von Solferino bis zum Oktoberdiplom
108 Walter Goldinger Schon im Juni 1859, nach dem Einzug der Franzosen in Mailand beschwor Thun den Kaiser, die Lombardei nicht zu räumen, ohne eine Hauptschlacht geliefert zu haben. Er beruft sich auf die Gnade des Kaisers, die ihm hei anderen Anlässen gestattet habe, seine Meinung freimütig zu äußern und weist unter heftigen Ausfällen auf Napoleon auf die Wahrscheinlichkeit hin, daß dieser Österreich vor einen Kongreß zitieren und dort die Abtretung der Lombardei an Piemont mit Unterstützung aller Feinde und falschen Freunde Österreichs durchsetzen werde. Auch wenn man das Land später wieder erobere, sei doch der Beweis erbracht, daß sie Österreich bei jedem Krieg, auch bei einem vorhergesehenen, preisgeben müsse. „Wie ist es unter solchen Voraussetzungen möglich, sie erfolgreich zu regieren, wem kann dann zugemutet werden, für die Regierung einzustehen, wenn es eine ausgemachte Sache ist, daß sie ihn gegen ihre und seine Feinde nicht schützen kann ?“ x). Thun hat sich dann auch an Rechberg gewandt und ihm die Notwendigkeit einer Verständigung über die Grundsätze der nunmehr einzuschlagenden Politik vor Augen gestellt. Das ergibt sich aus dem Antwortschreiben Rechbergs vom 11. Juli aus Verona, wo sich das kaiserliche Hauptquartier befand 1 2). Wenige Tage später, nach der Rückkehr Franz Josephs, hat das Laxenburger Manifest vom 15. Juli 3) diese allgemein empfundene Zwangslage der Öffentlichkeit vor Augen gestellt, ohne allerdings den Weg, diese Schwierigkeiten zu beheben, zeigen zu können. Über einen Mann, dessen Politik mit einen Stein des Anstoßes bildete, über Alexander Bach, waren die Würfel allerdings schon gefallen4). Damit war aber noch nicht der Weg aus dem finanziellen und politischen Zusammenbruch des Absolutismus gefunden und über die Art, in der der Umbau des Staates nunmehr zu erfolgen hätte, Klarheit gewonnen. Damals sind Buol5), der nicht mehr, und Bruck6), der noch Minister war, mit großen Denkschriften 1) Nachlaß Leo Thun: D 510. 2) D 427. 3) Druck bei Kolmer, Parlament und Verfassung in Österreich, 1 (1902), 21 f. 4) Berzeviczy, Der italienische Feldzug 1859 und der Rücktritt Bachs. Ungarische Jahrbücher, 6 (1927). Das vom 28. Juli datierte Rücktrittsgesuch erliegt im Nachlaß Rechberg. 5) Abgedruckt bei Redlich, a. a. O., 1/2, 234—240. 6) Druck bei Charmatz, a. a. O., 241—281. Diese Denkschrift hat bis zu einem gewissen Grad den Beifall des Fürsten Windischgrätz gefunden. Vgl. Paul Müller, Feldmarschall Fürst Windischgrätz. Revolution und Gegenrevolution in Österreich (1934), 315.