Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 2. (1949)

Festfeier des Österreichischen Staatsarchivs aus Anlaß des 200jährigen Bestandes des Haus-, Hof- und Staatsarchivs am 21. und 22. September 1949

Ansprache des Herrn Bundesministers für Unterricht 41 Bearbeitern der Archivbestände meinen Dank auszusprechen: Ihnen, weil Sie Ihre wissenschaftliche Tagung nach Wien gelegt haben, den Beamten des Archivs, weil sie kostbares Gut erhalten und durch ihre wissenschaftliche Leistung nutzbar machen! Es folgte dann die Ansprache des Herrn Bundesministers für Unterricht Dr. Felix Hurdes. Immer hat das geschichtliche Geschehen die Menschen bewegt. Sie haben daher versucht, sich und der Nachwelt in Erinnerung zu halten, was sie bewegte: zur Lehre, zur Warnung für andere und als Rechenschafts­bericht über ihr Tun und Wirken. Lehren, Warnungen, Rechenschaftsberichte aber bedürfen, um wirken zu können, der Bearbeitung: durch sie erst werden sie dem breiteren Publikum, werden sie der Nachwelt verständlich. Archive, die dem Zutritt verschlossen bleiben, sind Schätze, deren beste Kraft tot bleibt. Der Pauliner Mönch P. Matthias Fuhrmann, der um die Mitte des 18. Jahrhunderts das Staatsarchiv Wiener Neustadt ordnete, klagte in richtiger Erkenntnis sehr darüber, daß solche Archive „arme Reichtümer und unnütze Schätze bleiben müßten, wenn sie nicht gebraucht würden“. Ungefähr zur gleichen Zeit, da P. Fuhrmann diese Forderung nach Zugänglichkeit der Archive aussprach, erfolgte im Zuge der großen Ver­waltungsreformen der Kaiserin Maria Theresia die Gründung eines einheit­lichen Archivs, des Haus-, Hof- und Staatsarchivs. Der erste Leiter dieses Archivs, der Hofsekretär des Directorium in publicis et camerabilibus, von Rosenthal, sammelte die Urkundenvorräte der Landesfürsten, brachte einen Teil des in Prag verwahrten böhmischen Kronarchivs nach Wien und schuf so den Grundstock des Archivs, das überwiegend aus Original­urkunden bestand. Zweifellos war die Haupttriebfeder dieser Gründung vor allem das Bedürfnis, eigene Ansprüche zu verteidigen und fremde Forderungen abzuweisen, und es fehlte durchaus nicht an Erkenntnis des propagandistischen Nutzens eines solchen Institutes. Kaunitz, der große österreichische Staatsmann, stellt Kaiser Josef II. vor Augen, daß das Arbeiten im Archiv nicht als Zeichen eines „gelehrten Fürwitzes“ angesehen werden dürfe. Er sagte „es gebe keinen gesitteten Hof in Europa, der nicht sein Staatsarchiv als einen wahren Schatz betrachte, solchen mit größter Sorgfalt zu verwahren und gelegentlich zu vermehren suchte, der nicht archivale Urkunden — besonders die ältesten — für eine wahre Zierde seines Hauses, für das Hauptmittel zur Aufklärung seiner National­geschichte ansehen sollte“. Wir sehen also, daß recht bald P. Fuhrmanns Wunsch wenigstens teilweise Erfüllung fand, daß die Schätze der Archive nicht unnütz blieben, sondern — wenn auch in sehr beschränktem Rahmen — verwendet wurden. Nach dem Tode des mit der Einrichtung des Archivs betrauten Herrn von Rosenthal trat Kaunitz in genauer Kenntnis der Bedeutung des Archivs dafür ein, die „Anstellung des Gelehrtesten in der Geschichte, in der Diplomatie, im jure publice erfahrensten Mannes, der irgendwo in

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