Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 2. (1949)

Festfeier des Österreichischen Staatsarchivs aus Anlaß des 200jährigen Bestandes des Haus-, Hof- und Staatsarchivs am 21. und 22. September 1949

40 Archivberichte II: Festfeier des Staatsarchivs Auch dieser Ausdruck ist mit gewandelter Bedeutung lebendig geblieben. Das Hofarchiv faßte die Akten der Hofstäbe mit ihren weit verzweigten Aufgaben und ihrem starken Einfluß auf das kulturelle Leben zusammen. Am Hofe ging die Entwicklung dahin, daß die Führung der Kanzlei­geschäfte allmählich aus der Hand der Kleriker in die adeliger Beamter und gelehrter Juristen überging. Für sie alle ist charakteristisch, daß sie Fürstendiener sind, ohne verpflichtendes Verhältnis zum Staat. Deswegen muß ihre Leistung auch unter diesem Gesichtswinkel gewertet werden. Erst die große Staats- und Verwaltungsreform der Kaiserin Maria Theresia, in deren Zusammenhang die Gründung des Haus-, Hof- und Staatsarchivs fällt, brachte die grundsätzliche Wandlung, die nicht nur der Bezeichnung des Archivs das Wort „Staat“ hinzufügte, sondern den Begriff „Staat“ durchaus in den Vordergrund stellte. Nun wurden die Beamten aus Fürstendienern zu Staatsdienern. Für die Belange der Außenpolitik wurde die Staatskanzlei geschaffen, die Oberaufsicht und damit den Einfluß auf die innere Politik und Verwaltung übernahm der Staatsrat. Die Zeugnisse der reichen Arbeit dieser Behörden und viele von privater und klösterlicher Hand gerettete Urkunden kamen ebenfalls in das jubilierende Archiv als gesammelter Schatz der Erfahrung. Die nächste große Bereicherung erfuhr die klassische Stätte des öster­reichischen Archivwesens, als das Jahr 1848 die Konstitution brachte und die Wahlen zum ersten österreichischen Reichstag. Auch dessen Archive, die ersten Zeugnisse parlamentarischen Lebens, wurden im Haus-, Hof- und Staatsarchiv geborgen, desgleichen die Urkunden über den Ausgleich mit Ungarn. So ist die ganze Vielfältigkeit der Entwicklung des alten Österreichs in einer großen Zusammenschau vereinigt und erhalten: keine tote Dokumentensammlung, sondern eine durch wissenschaftliche Arbeit und verständnisvolle Auswertung lebendige und unschätzbare Quelle unmittelbaren Anschauungsunterrichtes und geschichtlichen Kapitals. Wenn ich eingangs von der Politik verlangt habe, daß sie viele Dinge zusammensehen müsse in ihren Beziehungen und ihren Wertungen, daß sie die inneren und äußeren Sphären der staatlichen Führung in ihren Wechselwirkungen erfassen solle, dann ist es klar, daß die Sammlungen des Haus-, Hof- und Staatsarchivs auch dem heutigen Politiker von größter Wichtigkeit sind. Es gäbe nichts Falscheres, als dem bösen Worte beizupflichten, das die Archive nur „den Sarg Alt-Österreichs“ nennen möchte. Sowenig wie unser Staat nach den Katastrophen der letzten Jahre einfach bloß „übriggeblieben“ ist, kann ein Gang durch die Speicher des Hauses am Minoritenplatz ein Weg durch eine tote Vergangenheit genannt werden. Das, was wir ehrfürchtig liebenden Herzens als „Öster­reich“ hegreifen, spricht auch dort überzeugend zu uns. Darum kann der Mann der Tat, der aktive Politiker, diesen Schatz nicht missen, der jedem, der sich nicht gewaltsam verrammelt, die Erkenntnisse des ewigen Öster­reichs sinnfältig werden läßt. Ich möchte nicht schließen, ohne Ihnen, meine verehrten Damen und Herren, im Namen der Bundesregierung einen ersprießlichen Verlauf Ihrer Tagung zu wünschen und Ihnen sowie den aufopfernden Betreuern und

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