Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 2. (1949)

Festfeier des Österreichischen Staatsarchivs aus Anlaß des 200jährigen Bestandes des Haus-, Hof- und Staatsarchivs am 21. und 22. September 1949

Ansprache des Herrn Bundeskanzlers 39 Es folgte dann die Ansprache des Herrn Bundeskanzlers Dr. Leopold Figl. Hochansehnliche Fest Versammlung! Der aktive Politiker als Redner auf einer Archiv- und Historikertagung mag zunächst als eine beziehungslose Figur erscheinen, die nur aus äußeren Gründen auftritt. Wenn Sie aber, meine Damen und Herren, sich ein wenig näher mit dem Wesen dessen befassen, was man Politik nennt, so werden Sie alsbald tiefe Zusammenhänge feststellen können. Was ist denn Politik im höheren Sinne ? Politik ist Umsetzen von Erkenntnissen und Erfahrungen in den Tatwillen. Sie greift ununterbrochen aus der Sphäre der Einsicht in die Sphäre des Willens über. Sie muß viele Dinge zusammensehen können, in ihren Beziehungen und in ihren wesent­lichen Wertungen. Sie muß dieses Viele in einer lebendigen Einheit ver­schmelzen. Freilich bedarf es dazu vor allem der Intuition, des Anschauens und Verbindens, aber auch des begrifflichen Sonderns und Untersuchens, so z. B. einer dauernden synthetischen Umfassung der inneren und äußeren Sphären der Staatspolitik, die in ständiger Wechselwirkung stehen. Und wenn Sie sich nun, meine verehrten Damen und Herren, vor Augen halten, welch ungeheure Summe derartiger Erfahrungen in den Schätzen des heute jubilierenden Archivs gesammelt sind, dann eröffnen sich ihnen auch die zahlreichen Beziehungen, die das Archiv mit dem führenden Politiker und Staatsmann verbinden und sein Auftreten in diesem Rahmen rechtfertigen. Schon der Name — Haus-, Hof- und Staatsarchiv — spricht den Volks­beauftragten an, der sich um die Gestaltung von Gegenwart und Zukunft seines Landes zu bemühen hat. Er weiß, was das „Haus“, die Lebens­gemeinschaft der Familie, für den Staat bedeutet und es wundert ihn nicht, in ihm, wenn auch unter heute fremd erscheinenden Formen der Gesellschaftsordnung, einen Zentralbegriff der österreichischen Geschichte zu erkennen. Ist doch die Bezeichnung „Haus Österreich“ zeitweise das Synonym einer Weltmonarchie gewesen! Das „Haus“ verband sich immer mit der „Herrschaft“. Anfänglich hatte der Landesherr nur eine bescheidene Kanzlei zur Führung der Regierungsgeschäfte neben sich, die allmählich durch einen Kreis von Räten erweitert wurde. In dieser Kanzlei und diesen Ratskollegien wurde nun nicht bloß verwaltet, sondern auch Politik gemacht, wobei vor allem die auswärtigen Beziehungen, aber auch das Heer und gewisse Teile der Finanz Verwaltung in Betracht kamen: Dinge, deren Regelung oft ein beträchtliches Maß politischer Geschicklichkeit erforderten. Das Archiv enthält beredte Zeugnisse dieser Arbeit, wenn es auch mitunter nur unscheinbare Vermerke auf der Rückseite einer Pergamenturkunde sein mögen. Mit den Aufgaben wuchs die Apparatur, die der Hausmacht zu dienen hatte. Ihr schriftlicher Niederschlag wanderte in das Hausarchiv. Und es ist auch für den Mann der praktischen Politik verständlich, daß von dort Kraftströme ausstrahlen, die sich noch in der Gegenwart im guten und im bösen Sinne bemerkbar machen. Ähnlich wie mit dem Begriffe „Haus“ verhält es sich mit dem „Hof“, der an zweiter Stelle im Namen des heute 200 Jahre alten Archivs steht.

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