Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 2. (1949)
Festfeier des Österreichischen Staatsarchivs aus Anlaß des 200jährigen Bestandes des Haus-, Hof- und Staatsarchivs am 21. und 22. September 1949
38 Archivberichte II: Festfeier des Staatsarchivs entnehmen: Die staatlichen Zuwendungen für das Archivwesen sind mit 5 Millionen Schilling pro Jahr, somit für die Jahre 1946 bis 1948 mit 15 Millionen Schilling veranschlagt worden, aber bis vor kurzem waren dafür nicht mehr als 4 Millionen Schilling aufgewendet und so können, im Manuskript druckreif fertiggestellt, wertvolle Publikationen nicht verölfentlieht werden, weil es an Mitteln gefehlt hat. Wir stehen unmittelbar vor Neuwahlen, die neue Volksvertretung wird als eine ihrer wichtigsten Obliegenheiten die Fürsorge für Kunst und Wissenschaft erkennen und die künftige Regierung darin unterstützen müssen. Not tun wird dabei allerdings eines: Wenn, wie wir gesehen haben, alles schreit — Kunst und Wissenschaft dürfen auch darin nicht Zurückbleiben. Sie, meine Herren, haben indessen nicht alles auf die Regierungshilfe gesetzt, Sie haben selbst zum Mittel der Selbsthilfe gegriffen und das sicherste Mittel derselben ist Organisation. Die wissenschaftliche Arbeit war in älteren Zeiten und ist heute noch in den Augen der meisten Menschen Sache individueller Leistung. Aber schon lange steht fest, daß ihre großen Errungenschaften immer auf Zusammenarbeit beruhen. Seit Leibniz — im 17. Jahrhundert — die Idee der wissenschaftlichen Akademien propagiert hat, seit zuerst der aufgeklärte Absolutismus Institute aller Art ins Leben gerufen und seit insbesondere in den letzten Jahrzehnten neben die Forschungsinstitute staatlicher Art die großen Industrien Laboratorien von Weltruf und Welterfolgen gesetzt haben, ist der Gedanke organisierter Zusammenarbeit auch auf wissenschaftlichem Boden unbestritten im Vormarsch. Mit Recht haben daher -— und ich begrüße dies aufrichtig — die Historiker mit der 200-Jahr-Feier des Staatsarchivs die Konstituierende Hauptversammlung des Verbandes österreichischer Geschichtsvereine verbunden, die morgen stattfinden soll. An sie werden sich Sonderberatungen in nicht weniger als sieben Sektionen schließen, zwischen Hoch- und Mittelschulen, aber auch zwischen Lehrern und Hörern soll ein engeres Verhältnis angebahnt werden. Es ist eine Art Generalmobilisierung auf Ihrem besonderen Forschungsgebiet und ich wünsche Ihnen dazu vollen Erfolg. Diese Ihre Organisation wird, dessen bin ich gewiß, der Pflege der großen Tradition und der Ehrung der großen Vorläufer dienen, der langen Reihe von bedeutenden Forschern und Verwaltern — von Schröder aus der Theresianischen Zeit, von Hormayr und Grillparzer über Arneth, Oswald Redlich bis zu den Vertretern, die unter uns weilen. Sie wird zugleich mit den Archivaren und Historikern aller Länder mitarbeiten an der gesamten europäischen Geschichte, aus der Österreich nicht zu lösen ist, und sie wird endlich, worauf ich nicht weniger Gewicht legen möchte, auch dem heutigen Österreich, dem Österreich der ersten und zweiten Republik, ihre Aufmerksamkeit nicht versagen, sie wird ihrem harten Existenzkampf und ihrem redlichen Bemühen, dem Volk ein dauerndes, selbständiges, freiheitliches, demokratisches Heim zu schaffen, Gerechtigkeit widerfahren lassen! Wie wahr es ist, daß die Geschichte das Leben lehrt, so wahr ist auch, daß der Lebende recht hat.