Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 2. (1949)

Festfeier des Österreichischen Staatsarchivs aus Anlaß des 200jährigen Bestandes des Haus-, Hof- und Staatsarchivs am 21. und 22. September 1949

Ansprache des Herrn Bundespräsidenten 37 der beigegebenen hundert Lichtdrucktafeln in Händen. Schon diese geringen Kostproben veranschaulichen den weiten Umkreis, den diese Urkunden­sammlung betrifft: er umfaßt Italien, Spanien, Frankreich, die Niederlande, England, Preußen, die nordischen Staaten, Rußland, die Türkei, kurz zusammen mit den Ländern der alten Monarchie ganz Europa. Ein kostbares Erbe haben wir damit zu betreuen übernommen, wir haben es redlich und sorgsam verwaltet. Zunächst aber galt es, das Erbe zu verteidigen. Es ging uns damit nicht viel anders als mit unserem Kunst­besitz. Als mir als dem Präsidenten der österreichischen Friedensdelegation von Saint-Germain die Pflicht oblag, nach der uns aufgezwungenen Liqui­dation des Donaureiches für das neue Österreich zu retten, was zu retten war, strebten die Nachfolgestaaten nach Aufteilung auch des österreichischen Kunstbesitzes. Aber zum Glück beraten von wahrhaften Schätzern und Kennern aus fast allen Staaten haben die alliierten Mächte 1919 diese sinnlose Barbarei und dieses Attentat von uns abgewendet. Auch unsere Archivbestände waren bedroht und in der Folge haben wir manches wertvolle Stück preiszugeben gehabt. Die größte Gefahr drohte uns nach 1938, da das sogenannte Dritte Reich die Archive als vorgeblicher Rechtsnachfolger des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation beanspruchte und wegzuführen drohte. Die Kriegsereignisse ver­zögerten und der Kriegsausgang vernichtete diese Pläne. Aber unabschätzbar sind die Schäden, welche die Kriegsereignisse selbst unter den Beständen angerichtet haben. Die Verwaltungen der Archive haben — und dafür verdienen sie den Dank des Vaterlandes — keine Mühe gescheut, sie zu bergen, sie haben nach dem Kriege die Bestände wieder gesammelt, die Schäden festgestellt, verzeichnet und womöglich auch zu beheben unternommen. Und mit Genugtuung können wir feststellen: Weder die politischen noch auch die sachlichen Katastrophen zweier Weltkriege haben den gewaltigen Stock unserer Archivschätze wesentlich zu beeinträchtigen vermocht, er ist geborgen und wir wissen ihn in sach­verständigen und getreuen Händen. Ein kostbares, aber zugleich ein kostspieliges Erbe! Damit zugleich eine ernste Sorge für die Regierung! Man hört allzu leicht und auch ungläubig hinweg über die Feststellung, der Staat sei arm geworden. Aber warum von dem Abstraktum Staat sprechen, reden wir von des Staates konkreten Unterlagen: Der Boden ist erschöpft und schreit nach Kunst­dünger; die Fabriken haben einen Teil ihres technischen Apparates ein­gebüßt und schreien nach Maschinen; Industrielle und Handwerker bemühen sich, die Betriebe in vollen Gang zu bringen, aber diese Betriebe schreien nach einzuführenden Rohstoffen; entscheidende Volksteile sind unter­ernährt und schreien nach Lebensmitteln, nach Einfuhr aus dem Ausland. Handel und Verkehr aber schreien: Fort mit Zonen und Grenzzöllen! Freiheit des Weltverkehrs! Ziehen Sie die Summe aus diesen Tatsachen und sagen Sie selbst: Wie kann der Staat anders als arm, als äußerst arm sein ? Nichtsdestoweniger darf und wird er der Kunst und der wissenschaftlichen Institute nicht vergessen. Ist doch erschütternd, was wir aus den Berichten

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