Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 2. (1949)
LHOTSKY, Alphons: Handschriftenausstellung der Österreichischen Nationalbibliothek anläßlich des Ersten Österreichischen Archivtages. Handschriftliche Denkmäler der Geschichte Österreichs
24 Alphons Lhotsky Enenkel, Greyß zu Wald u. a. gezeigt werden, besonders aber die erste kritische Geschichte Österreichs, die Annales Austriae des Gerard van Roo in der Bearbeitung durch Konrad Dietz, Innsbruck 1592. Dies alles systematisch zu zeigen, war nicht möglich; so klang die Ausstellung in einigen der Öffentlichkeit wenig bekannten Denkmälern aus. Zu den kulturgeschichtlichen Kuriositäten gehört das eigenhändig Nr. 36 angelegte umfangreiche Rezept- und Kochbuch der Philippine Welser, Gattin des Erzherzogs Ferdinand in Tirol, cod. n. 11454; die Weiserin (getraut 1557, gestorben 1580) hat viel mediziniert und auch eine gut bestellte Apotheke unterhalten. Vgl. Joseph Hirn, Erzherzog Ferdinand II. von Tirol, 2 (Innsbruck 1888), S. 327. Das Nr. 37 kolossale Inventar der Hinterlassenschaft des Erzherzogs selbst, aufgenommen nach seinem Tode im Jahre 1596 (cod. n. 8228), enthält nicht bloß den Katalog der bis heute weltberühmten Kunstkammer, sondern auch den der sehr reichen Bibliothek (aufgeschlagen f. 565), worüber zur Zeit eine größere Studie vorbereitet wird. Die schon während der böhmischen Statthalterschaft (1547 bis 1564) begonnenen Sammlungen wurden in Tirol planmäßig ausgebaut und nach 1580 im Schlosse Ambras eingerichtet. Ferdinand hinterließ diese, da sie sein Privateigentum waren, seinem (nicht nachfolgefähigen) Sohne Karl von Burgau-Österreich, der sich dann bewegen ließ, die Bestände dem Kaiser Rudolf II. und dessen Brüdern ,,aus vetterlichem gefallen“ um 100.000 Gulden zu verkaufen. Seit 1665 sind die Ambraser Sammlungen, deren Kernstücke eine Waffen- und eine Portrait- sammlung sind, zum Großteil sukzessive mit den allmählich in Wien konzentrierten Kunstschätzen der Dynastie vereinigt worden. Das Kunstkammerinventar ist im 7. und 10. Band des Jahrbuches der Kunsthistorischen Sammlungen, Regest n. 5556, veröffentlicht worden, das Bibliotheksinventar wird derzeit bearbeitet. Über die Ambraser Sammlung siehe Alois Primisser, Die k. k. Ambraser Sammlung (Wien 1819), ferner Julius Schlosser, Die Kunst- und Wunderkammern der Spätrenaissance (Leipzig 1908); über die geistesgeschichtliche Bedeutung der Adelsbibliotheken überhaupt siehe Otto Brunner im Anzeiger der Philosophisch-historischen Klasse der Österreichischen Akademie der Wissenschaften 1949, S. 109 ff, und in seinem Buche Adeliges Landleben und europäischer Geist (Salzburg 1949), S. 158, über Erzherzog Ferdinand das oben genannte Werk von Hirn und Alphons Lhotsky, Festschrift des Kunsthistorischen Museums II: Die Geschichte der Sammlungen, 1. Hälfte (Wien 1945), S. 179 ff.