Komjáthy Miklós: Protokolle des Gemeinsamen Ministerrates der Österreichisch-Ungarischen Monarchie (1914–1918) (Magyar Országos Levéltár kiadványai, II. Forráskiadványok 10. Budapest, 1966)

Einleitung: Die Entstehung des gemeinsamen Ministerrates und seine Tätigkeit während des Weltkrieges

überhaupt nicht weitergehen könne« — führte Teleszky aus, und diese Stellung­nahme bildete dann auch die Basis des in ähnlichem Sinne gefaßten Beschlusses. 219 Von dem Zeitpunkt an, als die Russen die Kornkammer der österreichischen Provinzen, Galizien, besetzt hatten, nahmen die Versorgungsschwierigkeiten Österreichs ständig zu. Zur Überlassung von Goldvorräten, zur Markanleihe, zu Rohstoff- und Kriegsmateriallieferungen kamen bald auch deutsche Getreidelie­ferungen. Im gemeinsamen Ministerrat vom 8. Juli 1915 war erst davon die Rede, wie die notleidenden österreichischen Provinzen durch Beschaffung von rumäni­schem Getreide versorgt werden könnten, doch mußte der ungarische Minister­präsident schon beklagen, daß in diese für die Monarchie lebenswichtige Frage seitens der österreichischen und gemeinsamen Behörden die Deutschen ein­bezogen wurden, die zuständigen ungarischen Organe aber erst nachträglich über die getroffene Vereinbarung Kenntnis erhielten. An den unter dem Vorsitz des Kriegsministers abgehaltenen Beratungen hatten nur die Fachmänner der öster­reichischen Kriegsgetreide-Verkehrsanstalt mit den Delegierten der deutschen Zentral-Einkaufsgesellschaft verhandelt. Da die Vertreter der ungarischen Hadi­termény Társaság (Kriegsprodukten-Gesellschaft) nicht zugegen waren, hatten die Deutschen, nach Tiszas Ansicht, 220 ein falsches Bild von den Dingen erhalten. In dieser nicht unbedeutenden Frage hatten also die Deutschen schon ein gewichti­geres Wort als die ungarische Hälfte der Monarchie. Es trat also der Fall ein, daß in einer ausgesprochen gemeinsame Angelegenheiten behandelnden Beratung das Wort des Deutschen Reiches gewichtiger in die Waagschale fiel als das der unvollständig vertretenen Monarchie. Auch in der Getreidefrage blieb es aber nicht bloß bei Einbeziehung Deutschlands in die Beratungen. Der gemeinsame Ministerrat vom 9. September 1916 beschloß, sich zur wenig­stens teilweisen Deckung des 10 Millionen Doppelzentner betragenden Getreide­defizits an Deutschland zu wenden. Ähnliche Beschlüsse wurden in der gemein­samen Ministerkonferenz vom 10. Januar 1917 und dann am 22. März gefaßt, in letzterem Falle war bereits von einer drohenden »Ernährungskatastrophe« die Rede. 221 Unterdessen kam immer wieder die Frage einer Markanleihe, der Roh­material- und Kriegsmateriallieferungen zur Sprache. Davon gar nicht zu reden, daß hinter den militärischen Erfolgen Österreich-Ungarns (Durchbruch bei Gorlice, Niederwerfung Serbiens, Durchbruch bei Tolmein) immer bedeutende deutsche Waffenhilfe stand. Die Staatsmänner der Monarchie fühlten, daß die stets zunehmende wirtschaft­liche, finanzielle und auch militärische Abhängigkeit des Habsburgreiches vcn Deutschland nicht ohne schwere Folgen bleiben würde. Unter der drückenden Last dieser Erkenntnis trösteten sie sich stets damit, eine finanzielle, wirtschaftliche und militärische Erstarkung Österreich-Ungarns liege auch im Interesse des Deutschen Reiches. So erklärte Burián unter anderem auf dem Ministerrat vom 18. Juni 1915: »Deutschland hat nicht nur Interesse an der Erhaltung unserer Wehrkraft, sondern auch an der Gesundung unserer Valutenverhältnisse.« 222 Diese illusionistische (nämlich vom Gesichtspunkt der zukünftigen Unabhängig­keit der Monarchie illusionistische) Auffassung wurde sogar vom ungarischen Ministerpräsidenten Tisza mit ähnlicher Entschiedenheit formuliert, 223 obwohl

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