Komjáthy Miklós: Protokolle des Gemeinsamen Ministerrates der Österreichisch-Ungarischen Monarchie (1914–1918) (Magyar Országos Levéltár kiadványai, II. Forráskiadványok 10. Budapest, 1966)

Einleitung: Die Entstehung des gemeinsamen Ministerrates und seine Tätigkeit während des Weltkrieges

er, fast von der ersten Minute des Krieges bis zum endgültigen Zerfall der Monar­chie versucht hatte, das Habsburgreich gegen die gefährliche Zunahme des deutschen Einflusses zu schützen bzw., als dies nicht mehr möglich war, zumindest gegen dessen Schein. Besonders bei der Definierung der Kriegs- und Friedensziele der Zentralmächte und innerhalb dieser Frage hauptsächlich bei den Verhandlungen über das zu­künftige Schicksal Polens stellte sich heraus, daß die Abhängigkeit der Monarchie von deutschen Gold-, Getreide- und Rohmateriallieferungen schwere politische Konsequenzen in sich barg. Der gemeinsame Ministerrat vom 6. Oktober 1915 hat, da fast das ganze Gebiet Polens wie es im 18. Jahrhundert bestanden hatte, in den Besitz der Zentralmächte gelangt war, die polnische Frage in extenso untersucht. Der zentrale Gedanke dieser oft heftigen Debatte war, daß die Mon­archie nicht nur in der Angelegenheit Polens, sondern selbst in der Angelegenheit des auf seinem eigenen Gebiet, in Galizien lebenden polnischen Volkes keinen Schritt ohne Wissen des Deutschen Reiches tun könne. Auf Ersuchen des Außen­ministers Burián hat der österreichische Ministerpräsident Stürgkh eine umfang­reiche Denkschrift 224 darüber verfaßt, wie man sich in der Monarchie die Lösung des polnischen Problems vorstelle. Diese wurde vom Minister des Äußern der gemeinsamen Ministerkonferenz zur Erörterung unterbreitet, um sie dann dem Reichskanzler Bethmann Holl weg zu übersenden. Nach der eingehenden Analyse der Denkschrift kam man einhellig zu der Ansicht, daß der Antrag umgearbeitet werden müsse, da er in der Form, wie er dem gemeinsamen Ministerrat vorgelegt wurde, den Deutschen nicht entsprechen werde. Vom Gesichtspunkt der Bezie­hungen zwischen dem Habsburgreich und Deutschland ist es nicht uninteressant, mit welchen Worten die Notwendigkeit einer Umarbeitung begründet wurde : die Arbeit müsse »ad usum Delphinh umstilisiert werden — wurde gesagt. Der zur Charakterisierung der Schriften und Vorträge, die dem künftigen Souverän zur Information vorgelegt werden sollten, sarkastisch formulierte Terminus wurde von den Politikern der Monarchie, denke ich, nicht ohne Selbstironie gebraucht. Es war dies die Formel für das mißliche Verhältnis zwischen Österreich-Ungarn und dem Deutschen Reich. In den Protokollen des gemeinsamen Ministerrates finden wir reichlich Beispiele, welche Züge des in ihrem Bewußtsein vorhandenen unheimlichen Bildes der Wirklichkeit von den Führern des Habsburgreiches in diese Formel zusammen­gefaßt wurden. Wieder ist es István Tisza, der zitiert werden muß. Er war es, der als erster und am klarsten auf der Sitzung des gemeinsamen Ministerrates vom 18. Juni 1915, als die Wiederherstellung der durch die rapid zunehmenden An­sprüche der Kriegsführung zerrütteten wirtschaftlichen Grundlage der Monarchie zur Sprache kam, darlegte, wohin die Abhängigkeit Österreich-Ungarns vom Deut­schen Reich führe. Wörtlich sagte er : »Deutschland arbeite offensichtlich daraufhin, daß bei Friendensabschluß alle unsere Verpflichtungen fällig werden, alle unsere Gelderfordernisse sich auf diesen Termin konzentrieren und wir ganz auf Deutsch­land angewiesen, in ein hilfsbedürftiges Abhängigkeitsverhältnis gebracht werden. Es sei dies auch ein Mittel zum Zwecke, uns wirtschaftlich von Deutschland ab­hängig zu machen.^ In Österreich sehen die amtlichen Kreise nach Tiszas 5 1 67

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