Komjáthy Miklós: Protokolle des Gemeinsamen Ministerrates der Österreichisch-Ungarischen Monarchie (1914–1918) (Magyar Országos Levéltár kiadványai, II. Forráskiadványok 10. Budapest, 1966)
Einleitung: Die Entstehung des gemeinsamen Ministerrates und seine Tätigkeit während des Weltkrieges
Grundlagen des Wirtschaftslebens durch die übermäßige Inanspruchnahme zerrüttet wurden. In diesem Zustand wäre die Weiterführung des Kriegs für die Monarchie unmöglich geworden. D. h. sie wurde zunehmend auf die wirtschaftliche und militärische Hilfe Deutschlands angewiesen. So brachte die wirtschaftliche Zerrüttung wie ein Transmissionsriemen die Notwendigkeit der Rücksichtnahme auf die deutschen Interessen auf den Verhandlungstisch des höchsten Regierungsorgans der Monarchie. Die Protokolle des gemeinsamen Ministerrates selbst illustrieren mit reichem Material die Zunahme des deutschen Einflusses in der Regierung der Monarchie. Die ersten Anzeichen waren schon in den Sitzungen des gemeinsamen Ministerrates unmittelbar nach Kriegsausbruch wahrnehmbar. Wie bereits erwähnt, in erster Linie darin, daß Deutschland bei der Monarchie eine bis zu territorialen Zugeständnissen gehende Nachgiebigkeit Italien und Rumänien gegenüber erreichen wollte. Im Kronrat vom 8. März 1915, als die Goldvorräte der Monarchie schon gefährlich im Abnehmen begriffen waren, berief sich István Tisza auf die Information von einem deutschen Bankier, wonach die Reichsbank geneigt wäre, Gold flüssig zu machen, wenn Österreich-Ungarn die Neutralität Italiens durch Überlassung Südtirols sicherte. 216 Im Ministerrat vom 18. Juni 1915 wurde vor allem der Antrag des ungarischen Finanzministers Teleszky, über eine wirtschaftliche Basis für den alles zu verschlingen drohenden Moloch Krieg behandelt. 217 Hierbei verglich der gemeinsame Finanzminister Koerber die finanziellen Opfer Großbritanniens für seine kapitalärmeren Verbündeten Rußland, Belgien und Italien, mit den Opfern, die Deutschland bisher zur Unterstützung seines finanziell schwächeren Partners, Österreich-Ungarns gebracht hatte. Aus dem Vergleich ging hervor, daß »das Deutsche Reich auf diesem Gebiete noch eine bedeutende Bündnispflicht zu erfüllen habe«. Von dieser, für moralisch gehaltenen Grundlage kritisierte Koerber den Standpunkt der Deutschen, eine Milliarde Mark zu opfern, um die Neutralität Italiens und eine nicht viel geringere Summe, um die Neutralität Rumäniens zu sichern. Seinem treuen Verbündeten könnte also das Deutsche Reich — zog Koerber die Schlußfolgerung — ruhig mit einer Anleihe von einer Milliarde Mark helfen. 218 Die Frage der deutschen Anleihe, zu der noch mehrere andere Teilnehmer des Ministerrates das Wort ergriffen hatten (einige dieser Stellungnahmen werde ich bei Summierung noch zitieren), figurierte von da an ständig unter den Verhandlungsgegenständen des höchsten Regierungsorgans der Monarchie. Dadurch, daß die Monarchie finanziell auf Deutschland angewiesen war, wurden dem gemeinsamen Ministerium in hohem Maße die Hände gebunden. Die gemeinsame Ministerkonferenz vom 3. Juli 1916 verhandelte darüber, wie die österreichisch-ungarischen Banken der Türkei helfen könnten. Der ungarische Finanzminister Teleszky fand scharfe Worte über die schweren Bedingungen dieses Plans. Daß nämlich Deutschland, das die Monarchie mit Geld und Rohmaterial versorgte, durch diese Aktion Österreich-Ungarns seinen Kapital- und Kriegsmaterialexport in die Türkei gefährdet sehen würde. »Wenn man sich nicht dem aussetzen wolle, daß Deutschland der Monarchie eine weitere finanzielle Unterstützung verweigert, so ergebe sich die Schlußfolgerung, daß man in der Frage der türkischen Lieferungen ohne eine Fühlungnahme mit Deutschland 5 Komjáthy: Protokolle ^5