Mitteilungen des K. K. Archivrates 1. (Wien, 1914)
Friedrich Schneller: Zum Archivwesen in Italienisch-Tirol
224 Friedrich Schneller. Zeit erfolgten Bemühungen1) welschtirolischer Gelehrten haben höchstens bloß bewirkt, daß vielleicht endlich die Übertragung des noch immer bedeutenden Archivs an einen einigermaßen sicheren Aufbewahrungsort durchgesetzt wurde. So ließen sich noch manche Beispiele anführen; es sind übrigens Übelstände, die nicht bloß in Welschtirol allein herrschen, aber man muß mit allen Kräften dagegen ankämpfen, will man noch retten, w7as zu retten ist. Hier richtet eine vereinzelte Stimme, ja auch eine Vereinigung von wenigen Forschern nichts aus, es muß eben die Sache energisch und systematisch betrieben werden. Zunächst müßte ermöglicht werden, daß jene Organe, welche die Gemeinde- und Kirchenarchive verwalten, eine ihrer Aufgabe entsprechende Vorbildung erhalten. Beim Klerus wäre dies leicht zu erreichen, wenn man an den Priesterseminaren einen etwa alle drei Jahre sich wiederholenden Kursus über das Archivwesen einschalten würde. Bei den Gemeindearchiven liegt die Sache etwas anders, da die Abhaltung von solchen Kursen für die Gemeindebeamten (wie sie auch einmal in Trient1 2) versucht wurde) doch mit zu großen Umständen verbunden sein dürfte. Aber auch hier kann auf andere Weise Abhilfe geschaffen werden. So ist z. B. mehrfach der Gedanke rege geworden, wenigstens den älteren und kostbareren Bestand der verschiedenen Gemeindearchive bei der Stadtbibliothek zu Trient, beziehungsweise im Notariatsarchiv von Eovereto zu hinterlegen und damit ist auch bereits begonnen worden, wenn auch freilich noch in sehr beschränktem Maße. So finden sich mit der Trienter Stadtbibliothek die Gemeindearchive der Stadt Trient und von Pinö und Oivezzano vereinigt3 *). In das Notariatsarchiv von Bovereto wurden jene der Stadt Bovereto (aber bloß von 1730 bis 1890), von Folgaria und von Calliano-Besenello, weiter die Pergamenturkunden der Gemeinde Brentonico (über 400 an der Zahl) und zirka 20 Urkunden aus dem Gemeindearchiv von Marco übertragen und nächstens wird das ganze Gemeindearchiv von Villa Lagarina folgen. Die i. r. Accademia degli Agiati behütet endlich das Privatarchiv der gräflichen Familie Festi. Auch hinsichtlich des zweiten Punktes, jenes der Aufzeichnung und der Herausgabe der Archivalien in größerem Umfange, sind verschiedene Versuche gemacht worden, und zwar geschah es zuerst von Seite des »Tridentuni«. 1) Vgl. darüber Archivio storico per Trieste etc. II (1883), S. 244, III (1884), S. 152 u. III (1886), S. 310. 2) Im Jahre 1910. Vgl. Pro Cultura I, S. 319. Es war aber kein förmlicher Kursus, sondern bloß eine einstündige Vorlesung. 3) Nach den gütigen Mitteilungen des Herrn Konservators und Vorstandes der Stadtbibliothek von Trient, Prof. Df. L. Oberziner.