Mitteilungen des k.u.k. Kriegs-Archivs 7. (Dritte Folge, 1911)

Gentz und Fasbender. Ungedruckte Briefe aus der Zeit von 1802 bis 1808. Mitgeteilt von Major Jacubenz

80 Jacubenz. Es hat mich nicht wenig gefreut, aus Ihrem Briefe zu sehen, daß Sie meine Rückkehr nach Wien mit eben der wohlwollenden Theilnahme wünschen, die Sie mir bei so vielen andern Gelegenheiten aufs Schmeichelhafteste bewiesen haben. Auch ich wünsche recht aufrichtig, wieder in Wien zu leben, weil ich diesen Ort in der That, als mein zweites Vaterland, als das Vaterland meiner Wahl und meiner Neigung be­trachte. Graf Stadion1) hat mir mit großer Affektion ge­schrieben, daß meiner Rückkehr nichts entgegen stände. Zu gleicher Zeit hat Er (oder vielmehr der Kaiser durch ihn) mich auf einem indirecten Wege ,,zu besonderer Behutsam­keit im Reden und Schreiben”* 2 3) ermahnen lassen. Diese Klausel dulde ich nicht. Ich bin keineswegs in dem Fall, daß man mir in Ansehung des Vergangenen etwas zu verzeihen hätte; und in Ansehung der Zukunft erwarte ich Auf­munterungen nicht Lektionen. Es war also nothwendig, daß ich nun gegen Graf Stadion mein ganzes Herz ausschüttete. Dies habe ich gethan, und die Antwort auf den Brief, worin ich dies gethan, wird meinen endlichen Entschluß bestimmen. Die Zeiten sind zu groß und zu ernst, als daß ich mich jetzt damit begnügen könnte, in Wien als ein müßiger Zuschauer zu leben. Entweder bestimmter, direkter Einfluß3) — oder vollkommene Freiheit, der Sache, der ich mein Leben ge­widmet habe, nach meinem Sinn zu dienen — auf andere Bedingungen gehe ieh nicht nach Wien zurück und will lieber mit dem, was i c h Würde nenne, in irgend einem Winkeider Erde, als in trostloser Unthätigkeit oder halber Sklaverei in Wien wohnen. Über meine Bestimmung bin ich aufs Klare; ein Spiel damit zu treiben, wäre in der heutigen Lage der ') Philipp Graf Stadion, nach Cobenzls Rücktritt Staats- minister, war vorher österreichischer Botschafter in Berlin, wo ihn G e n t z kennen lernte. 2) G e n t z hatte "Wien vor dem Einmarsch der Franzosen, am 8. November 1805 verlassen und wurde wegen seiner unablässigen An­griffe auf N apoleon und Frankreich, die geeignet waren, dem "Wiener Kabinette Verlegenheiten zu bereiten, durch geraume Zeit von der Residenz femgehalten; er wohnte inzwischen meist in Prag und ward von Stadion erst im Februar 1809 wieder nach "Wien berufen. 3) Hier spricht er ganz offen von dem „direkten Einfluß” auf die offizielle Politik Österreichs.

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