Mitteilungen des k.u.k. Kriegs-Archivs - Supplement. Erzherzog Johanns "Feldzugserzählung" 1809 (1909)
IV. Kapitel. Von dem Rückzuge von der Etsch bis zu der Ankunft bei Körmend vom 1. Mai bis 1. Juni
99 der Wahrscheinlichkeit, daß er trachten würde, dort zu entscheiden und dann im Rücken des in Italien stehenden Heeres zu wirken? Leicht war es gesagt, die eroberte Provinz, Tirol und Steiermark als Feste zu behaupten; ersteres war nur insoweit möglich, wenn man Venedig gehabt hätte, in Tirol ließ sich es ausführen, in Innerösterreich waren keine Streitkräfte, das Land ganz offen. Die Nachricht, welche der Kurier aus Tirol brachte, FML. Cha- steler sei mit seinen Streitkräften bereits gegen das nördliche Tirol gerückt, er habe GM. Marc hal mit sehr wenig Truppen zurückgelassen und diese bei Trient, gaben dem Erzherzog wichtige Besorgnisse für seinen Rücken; ein Glück war es, daß der Feind die ihm gegenüberstehende Armee für stark genug hielt und daß er durch die erlittenen Unfälle vorsichtig geworden war, denn sonst, was hätte ihn gehindert, da er doch aus dem Zögern eines entscheidenden Angriffs denken konnte, man wolle nicht weiter, Baraguey d’Hilliers zu verstärken, nach Trient schnell vorzugehen und jene Bewegung durch dieValsugana zu wiederholen, die Napoleon im Jahre 1796 so trefflich ausführte? Ein feindliches Heer in einer starken Stellung vor der Front, eine feindliche Kolonne im Rücken und ebenso Venedig mit einer starken Besatzung mußten den Erzherzog in eine mißliche Lage bringen. Diese Betrachtungen und die Überzeugung, daß nunmehr das Wichtigste sei, für die Sicherheit Tirols und der rückwärtigen Erblande zu sorgen, und sich dem Schauplatze zu nähern, um nicht -—- sollten neue Unfälle eintreten — ganz von allen Hilfsquellen getrennt zu werden, bestimmten den Erzherzog zum Rückzüge. Dieser sollte langsam gemacht werden, weil man sich besserer Nachrichten schmeichelte und in dieser Voraussetzung nicht zu viel Land verlieren wollte. In dieser Absicht schrieb der Erzherzog an Se. Majestät den 30. von Bonifacio seinen Entschluß, er wolle sich auf die Ge- birgsländer beschränken ; es sei ihm unmöglich mit so wenig Streitkräften das Venetianische, in Verbindung mit Tirol, zu halten. Venedig fallen zu machen, bedürfe es Zeit; halte man diesen Platz, dann wäre es möglich; durch die Behauptung Tirols und Innerösterreichs bliebe die Fähigkeit, 7*