Mitteilungen des k.u.k. Kriegs-Archivs 6. (Dritte Folge, 1909)

Major Czeike: Die Cernierung und Erstürmung Wiens im Oktober 1848

324 C z e i k e. I. Armeekorps her und in dieser Stellung erwarteten die Ge­nerale Hamberg und Wyss den Befehl zum Hauptangriff auf die Stadt1). zurück; der Kampf schien hier zu Ende zu sein und die Einwohner der Leopoldstadt erwarteten mit gemischten Gefühlen von Freude und Angst den Einmarsch der kaiserlichen Truppen, welcher jeden Moment er­folgen mußte. „Unbegreiflich! — Unerhört!” erzählt Dr. Habit, „Ganze Regi­menter hätten, ohne einen Mann zu verlieren, in die Jägerzeile ein- dringen, ja ruhig liereinmarschieren und bis an die Ferdinandsbrücke sich ausbreiten und festsetzen können.” Allein kein kaiserlicher Soldat war zu sehen und man hörte in der lautlosen Stille nur das Prasseln der am Ende der Jägerzeile in Brand geschossenen Häuser. Gegen 8 Uhr abends erschienen am oberen Ende der Jägerzeile, von der Stadt kommend, einzelne Bewaffnete, augenscheinlich Kundschafter, welchen bald größere Scharen von Insurgenten folgten, bis schließlich die ganze Jägerzeile von bewaffneten Aufständischen wimmelte. Ein Teil derselben machte sich sofort an den Bau der großen Sterngassenbarrikade, die von der Ecke der Sterngasse bis zur gegenüberliegenden Häuserreihe führte, während ein anderer Teil die Häuser der Jägerzeile besetzte und sich zur Verteidigung dieser Straße einrichtete . . . Aus dieser Darstellung der Ereignisse in der Jägerzeile ließe sich folgern, daß es dem GM. Wyss bei rascher Ausnützung der in den Beihen der Insurgenten gegen 6 Uhr abends herrschenden Panik ge­lungen wäre, durch ein unverweiltes Vordringen in der Jäger­zeile ohne Blutvergießen bis zu den Wällen der Inneren Stadt zu ge­langen und so die Leopoldstadt mit einem Schlage in seine Gewalt zu bekommen. Dr. Habit, der die Vorgänge in der Jägerzeile von seiner Wohnung aus, in der Nähe der Johanneskirche, beobachtete, erzählt, daß alle Verteidiger von der Sternbarrikade weg in wilder Flucht gegen die Stadt zu rasten, was jedoch mit der obigen Darstellung des Ge­nerals Wyss nicht übereinstimmt. Nach letzterer hatten die Insurgenten zwar ihre Geschütze gegen 6 Uhr abends aus der Barrikade zurück­gezogen, hielten diese aber, wenn auch nur schwach, noch immer be­setzt. Es ist nicht anzunehmen, daß dieser sonst so außerordentlich tätige und fähige General die Sternbarrikade, wenn sie von den Insurgenten gänzlich geräumt war, nicht hätte von seinen Truppen sogleich besetzen lassen. Nachdem Wyss einen Angriff auf diese Barri­kade aus den oben angeführten Gründen nicht für zweckmäßig erachtete, dieselbe also in den Händen der Insurgenten verblieb, so konnte der General auch nicht wissen, was hinter der Barrikade vorging und mithin auch nicht von der unter den Aufständischen ausgebrochenen Panik unterrichtet sein. l) Am 27. nachmittags wurden die von einer Kompagnie von Heß- Infanterie besetzten Augartengebäude von einer überlegenen Abteilung

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