Mitteilungen des k.u.k. Kriegs-Archivs 4. (Dritte Folge, 1906)

Hauptmann Czeike: Aufmarsch der österreichischen Armee gegen die Revolution im Oktober 1848

256 C z e i k e. Gegen 5 Uhr nachmittags war die ganze Stadt von den Truppen geräumt; nur das kaiserliche Zeughaus wurde noch von einer kleinen Schar bis zum Morgen des 7. Oktober heldenmütig verteidigt und dann erst auf Befehl Auerspergs einer Deputation des Reichstages, gegen freien Abzug der Besatzung, übergeben. Wien befand sich vollkommen in den Händen der Auf­ständischen ; die Revolution hatte ihren Höhepunkt erreicht und die Monarchie ging ihrer Auflösung entgegen, wenn es nicht gelang der einreißenden Anarchie rechtzeitig Herr zu werden. Grollend, aber in altgewohnter Disziplin schweigend, den Säbel in der Scheide, hatte Österreichs pflichttreue Armee dem tollen Treiben um sich her machtlos zusehen müssen, jetzt war endlich der Moment gekommen, den sie so sehnlichst erwartet hatte, mit der Schärfe ihres Schwertes Ordnung zu machen in Österreich. Nur diese vielgeschmähte Armee konnte in dem allge­meinen Chaos noch Rettung bringen und sie hat sie gebracht. Allein der größte Teil derselben kämpfte unter dem greisen Marschall Radetzky gegen den äußeren Feind, auf den Schlachtfeldern Italiens seine siegreichen Fahnen mit neuen Lorbeeren schmückend; im Innern der Monarchie war nur ein geringer unentbehrlicher Teil zurückgeblieben, um die sich allerorts geltend machenden revolutionären Tendenzen niederhalten zu können. Auf die Heranziehung der in Ungarn stehenden Regi­menter war nicht zu rechnen, denn diese unterstanden dem dortigen selbständigen Ministerium, der weitaus größte Teil derselben war überdies in die ungarische Revolution mit hin­eingezogen worden und ebensowenig konnte die kroatisch- slavonische Armee unter Jellacic in Betracht kommen, die im Kampfe mit der ungarischen Armee noch um die Palme des Sieges stritt. Zur Niederwerfung Wiens standen somit vorläufig außer den schwachen Kräften der Wiener Garnison nur die im Norden der Monarchie aufzubringenden Streitkräfte, deren Kern die in Böhmen befindlichen Truppen bilden mußten, zur Verfügung.

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