Mitteilungen des k.u.k. Kriegs-Archivs 4. (Dritte Folge, 1906)
Major Semek: Repressaliengefechte gegen die Montenegriner im Jahre 1838
Repressalien gefechte gegen die Montenegriner. 169 es das Walten der Gottheit. Die starren Höhen, die gegen Himmel ragen, die rieselnden Quellen, die den Felsen entspringen, die dunklen Schatten der Wälder und die Haine der Täler werden ihm zum speziellen Sitze derselben, oder doch überirdischer Wesen. In all diesen glänzenden Eigenschaften gleicht der Montenegriner den Bewohnern des schottischen Hochlandes, mit denen er aber in gleicher Weise den ungemessenen Stolz, die maßlose Selbstüberhebung und den Trieb zu inneren Fehden teilt. Auch dem Gesetz der Blutrache huldigt er gleich jenem. — Helle Lichter zeugen dunkle Schatten. — Wie alle Bergbewohner ist der Montenegriner voll Mißtrauen gegen Fremde und Fremdes. Listig sucht er seine wahren Absichten stets zu verbergen, sein sonst so entschiedenes Wesen schreckt dann selbst vor Heuchelei nicht zurück. Wo es sich um seinen Vorteil handelt, erkennt er keines anderen liecht, scheut er selbst den Kaub nicht. Unmenschliche Grausamkeit ist dem Volke zur Natur geworden. Verstümmelte und geköpfte Feindesleichen verdunkeln den Glanz seiner Siege. Möglich, daß das blutige Beispiel der Türken hier in schauerlicher Nachahmung sich widerspiegelt. Die Kriegskunst der Montenegriner war in der Zeit um die es sich hier handelt, jene aller Naturvölker. Ein absichtliches Zurückweichen des Zentrums sollte den Gegner zwischen die Höhen locken, um ihn dann von den Flanken dem Wettersturm gleich zu überfallen. Bestimmte Signale leiteten sie im Kampfe, riefen sie zur Vereinigung, um mit voller Wucht einen schwachen Punkt des Gegners anzufallen und zu durchbrechen. Unerschöpflich an List, kühn in allen Unternehmungen, überraschend bei allen Überfällen, waren sie doppelt gefährliche Gegner. Jeder einzelne wußte instinktiv die besten Stellen zur Verteidigung zu wählen; — dort hielt er unerschütterlich stand. Nur beim Angriff über offenes Feld fand ihr Mut seine Schranke. „Unerfahren und ungeschickt” nannten sie die tapferen Jäger des 8. Bataillons, die kühn und furchtlos trotz des heftigsten Feuers jene Steinwälle stürmten, die sie verbargen.