Mittheilungen des k.u.k. Kriegs-Archivs 8. (Neue Folge, 1894)
Oberlieutenant Criste: Der Beitritt Oesterreichs zur Coalition im Jahre 1813
186 Criste. werden können und man wird über Metternichs Selbstgefälligkeit milder urtheilen. Die Einseitigkeit derartiger Werke geht ja so weit, dass sie selbst die Herausgeber fremder Memoiren ergreift, wie sich dies z. B. auch bei den „Denkwürdigkeiten des Generals Toll“ zeigt, deren Herausgeber das Porträt Toll’s mit so leuchtenden Farben malt, als wäre dieser so recht eigentlich das einzige Genie im russisch-preussischen Hauptquartier gewesen, von dem jeder gute Gedanke, beispielsweise auch der berühmte Operationsplan Radetzky's ausgegangen sei.1) Was die französischen Werke anbelangt, so suchen sie mit derselben Fülle von Scharfsinn, den deutsche Historiker aufwenden, um zu bestreiten, dass Oesterreich schon vor Beginn des Herbst-Feldzuges auf Seite der Alliierten stand, nachzuweisen, dass dies zweifellos der Fall gewiesen, Oesterreich also die Allianz mit Napoleon „verrathen“ habe. Dass sie über diesen Yerrath bedeutend empörter sind, als über den Abfall Preussens, ist natürlich; der Abfall Preussens hat Napoleon nicht viel geschadet, der „Yerrath“ Oesterreichs hat ihn gestürzt.2) Den Grundton der russischen Darstellungen bildet das manchmal an Verzücktheit grenzende Lob der „Grossmuth“ des russischen Kaisers, der den Kampf „für die Unabhängigkeit Deutschlands“ weitergeführt. Entweder war aber Kaiser Alexander I. „den“ wie Bogdanowitsch sehr richtig sagt „eine langjährige Erfahruug überzeugt hatte, dass jeder Friedensschluss mit Napoleon nur ein WaflenstiUstand sei, den Letzterer verletzte, wenn sein Vortheil es erheischte“, „politisch scharfsichtig“ und erkannte, dass das t) In diametralem Gegensatz zu dem Urtheil Bernhardi’s steht das eines Militärs, dessen Ansichten vielleicht doch massgebender sein dürften, Gneisenau’s. Er sagt über Toll: „Es ist dies ein höchst arroganter Mensch, mit nur ganz gemeinen militärischen Kenntnissen. Für höhere Ideen ist er ganz unempfänglich und unfähig. Darum hat er auch den wirklich genialen Feldzugsplan des Generals v. Scharnhorst bekämpft und verworfen.“ (Portz, Gneisenau. II. Bd. S. 579.) Man wird freilich dieses allzu scharfe Urtheil Gneisenau’s auch nicht bedingungslos unterschreiben dürfen, da die Personen des russisch-preussischen Hauptquartiers, zu denen auch Gneisenau gehörte, nur in einem einzigen Pnncte einig waren: in dem gegenseitigen Zuschieben der Schuld an dem unglücklichen Ausgange des Frühjahrs-Feldzugs-. Immerhin ist Gneisenau eine so bedeutende Persönlichkeit, dass dessen Urtheil, entsprechend gemildert, wohl richtig sein dürfte und auch dann noch stark im Widerspruch steht mit jenem Bernhardi’s. 2) Als Merkwürdigkeit mag folgendes „Urtheil“ Jomini’s angeführt werden: „Radetzky qui füt trente-cinq ans plus tárd le facile vainqueurdes Piémontais, grace ä l’habileté de son chef d’état-major, le gén. Hess, était un hőmmé fort mediocre, ainsi qu’il est facile de s’eu convaincre en lisant la collection des étranges dispositions sorties de son cerveau. Bon soldat, il efxt été un excellent chef de corps d’armée, mais comme instrument devant diriger une armée de 200.000 hommes, on aurait pu faire un meilleur choix.“ (Jomini Précis politique et militaire des Campagnes de 1812 ä 1814. II. Bd. S. Hi.) Dies Urtheil wird wohl niemand zu widerlegen suchen. Curiosa staunt man an und — lächelt!