Mittheilungen des k.u.k. Kriegs-Archivs 8. (Neue Folge, 1894)
Oberlieutenant Criste: Der Beitritt Oesterreichs zur Coalition im Jahre 1813
Der Beitritt Oesterreichs zur Coalition im Jahre 1813187 Interesse seiner Staaten gebieterisch die Fortsetzung des Krieges erheische, oder er war „grossmüthig“; beides zugleich aber war er gewiss nicht. Da es nun heute einem jeden Unbefangenen klar ist, dass die Fortsetzung des Kampfes eine zwingende Nothwendigkeit für den Czaren war, wenn er überhaupt Frieden und einen reellen Nutzen von den gewaltigen Opfern haben wollte, die der Krieg von 1812 gekostet; so kann man auch ohne Bedenken die „Grossmuth“ streichen! Sowie die Grossmuth des Kaisers Alexander I. in den russischen Darstellungen, so bilden den Endpunet preussiseher Darstellungen auch nicht so sehr die gewaltigen Kämpfe und Siege, deren die Yerbündeten sich ja erst nach dem Beitritt Oesterreichs erfreuen konnten, als vielmehr der Abfall York’s „diese kühne That, die alle Geister entfesselt“ und die sogenannte „gewaltige Erhebung des preussischen Volkes.“ Steht man nun diesen Ereignissen wirklich unbefangen gegenüber, so stellen sie sich einigermassen anders dar, als es die preussischen Historiker wollen und auch seit einer langen Beibe von Jahren darstellen, wobei, um diese Ereignisse umso plastischer hervortreten zu lassen, kein einziger ermangelt, auf die damalige angebliche Muthlosigkeit und Schlaftheit in Oesterreichs Heer und Volk, in seinen höchsten und niedersten Kreisen hinzuweisen. Schon die That York’s verliert bei ruhiger Betrachtung viel von dieser sagenhaften Kühnheit, von jener eigenmächtigen, revolutionären Energie, die den „wankelmüthigen“ König Friedrich Wilhelm III. in die russischen Arme getrieben haben soll. Im Stiche gelassen von Macdonald, trotzdem ihn York wiederholt auf die Gefahr, durch die Bussen angeschnitten zu werden, aufmerksam machte; ohne Befehle von seinem König, ohne Befehle von Macdonald, gelockt und gedrängt von den Bussen, die ihm auf den Fersen waren, endlich von ihnen ganz abgeschnitten, musste er einen Entschluss fassen. Und er fasste den einzig richtigen Entschluss, den jeder denkende, ohne Direction gelassene Commandant gefasst hätte, denselben Entschluss, den Fürst Schwarzenberg zur selben Zeit im Einvernehmen mit seinem Hof gefasst hatte: er schloss einen Waffenstillstand. Zweifellos verdient aber diese That Yorks volle Anerkennung — er hat, da er ohne Befehl handelte, dabei sein Leben und was er viel höher schätzte, seine unbefleckte Soldatenehre riskiert — und das kann man freilich nicht von allen Patrioten sagen, die damals zum „heiligen Krieg“ drängten und, wie es jetzt ihre Epigonen in der Geschichtsschreibung thun, über Kleinmuth und Feigheit und Finasserie tobten! Was endlich die Erhebung Preussens anbelangt, so kann sie, ohne der allseits anerkannten Tapferkeit des preussischen Heeres, der Opferfreudigkeit des preussischen Volkes auch nur im geringsten Abbruch zu thun, auf das richtige Mass reduciert werden. Preussen war ja bekanntlich gezwungen, sich zu „erheben“ und für Bussland Partei zu nehmen; diese Erhebung war kein Act freier Selbst - entschliessung, wie es z. B. die Oesterreichs im Jahre 1809 gewesen — sondern ein Act der Verzweiflung. Zwischen Frankreich und Eussland förmlich eingezwängt, von Napoleon kategorisch autgefordert, eine neue Armee zu stellen, vom Czaren ebenso kategorisch belangt, an seine Seite zu treten, da er sonst „an der Zerstückelung Preussens“ theilnehmen werde, von Oesterreich dringend ermuntert, die