Mittheilungen des k.u.k. Kriegs-Archivs 8. (Neue Folge, 1894)
Oberlieutenant Criste: Der Beitritt Oesterreichs zur Coalition im Jahre 1813
Der Beitritt Oesterreichs zur Coalition im Jahre 1813. 185 berg i) ein höchst inittehnässiger General und sein Generalstabs-Chef zwar ein ganz tüchtiger Soldat gewesen, sonst aber eine recht unbedeutende Bolle gespielt — dafür aber kennt jedes Kind das Lied vom Marschall „Vorwärts“ von „Liitzow’s wilder, verwegener Jagd“ etc. etc. Ein einziges Werk, das sich in ausführlicher Weise mit den diplomatischen Verhandlungen vor Beginn des grossen Krieges beschäftigt, macht den ersten Versuch, diese Verhandlungen wenigstens in objectiver Weise zu besprechen. Es ist dies das Werk: „Oesterreich und Preussen im Befreiungskriege“ von Wilh. Oncken. Dem Verfasser ist zum erstenmale das überreiche Actenmaterial des Haus-, Hof-und Staats-Archivs in Wien zur Verfügung gestanden und aus diesem Actenmaterial allein war es möglich zu beweisen, dass von einem „Handel“ Metternichs mit Napoleon einerseits, mit den Alliierten anderseits nicht die Hede sein kann; dass Metternich vielmehr ganz und gar auf Seite der Alliierten stand, wenn er sich auch die gebietende Macht, über welche Oesterreich nun einmal, Dank der Verhältnisse, verfügte, nicht bedingungslos entwinden lassen wollte, was gewiss gebilligt werden muss, wenn man nur zugeben mag, dass es Pflicht eines österreichischen Ministers ist, österreichische, nicht aber russische oder preusgische Politik zu machen. Trotzdem nun das Werk Oncken’s etwas hastig entstanden zu sein scheint, so darf man ihm doch die Anerkennung nicht versagen, dass es eine objective Darstellung dieses Zeitraumes angestrebt hat. Eine Ergänzung des Oncken’schen Werkes bilden die „Nachgelassenen Papiere“ Metternichs. Man hat diesem Werk, das auch bei der vorliegenden Abhandlung, leider nicht genug benützt werden konnte, da es für den Zeitraum, welchen diese Arbeit umfasst, nur wenig Material enthält im Vergleich zu dem im Haus-, Hof- und Staats-Archiv befindlichen, hauptsächlich vorgeworfen: dass es die Selbstgefälligkeit und Anmassung seines Verfassers wiederspiegele und damit doch nur den ziemlich alten Erfahrungssatz wiederhole, dass Memoirenwerke stets mit der gebührenden Vorsicht zu benützen seien. Bekanntlich gibt es überhaupt keine Memoiren, in welchen der Verfasser nicht versuchen würde, seine Person, von welcher er ja darin vorzugsweise spricht, im schönsten Lichte darzustellen und wenn auch Metternich diese alte Sitte getreulich befolgt, so ist ihm, der doch durch eine lange Reihe von Jahren die Geschicke Europa’s gelenkt, — aus der Selbstgefälligkeit, mit welcher er allerdings von seinem Wirken spricht, doch auch kein grösserer Vorwurf zu machen, als vielen andern Memoirenschreibern, die oft so sehr viel weniger Grund haben, selbstgefällig zu sein, als Metternich. Man braucht nur die vielen „Denkwürdigkeiten“, „Erinnerungen“ etc. etc. zu lesen, die von oft herzlich unbedeutenden Theilnehmern an den Befreiungskriegen geschrieben wurden und die darin mehr oder weniger deutlich zu verstehen geben, dass ohne ihre unmittelbare Tlieilnahme Napoleon überhaupt nie hätte besiegt 1 1) Die schwierige und undankbare Aufgabe Schwarzenbergs hat der schneidige Reitergeneral Blücher mit seinem urwüchsigen Toast: „Der Gesundheit des Helden, der uns, trotz der Anwesenheit dreier Monarchen zum Siege geführt hat“ kürzer und treffender charakterisiert, als es ganze Bände vermögen!