Mittheilungen des k.u.k. Kriegs-Archivs 7. (Neue Folge, 1893)
Major Hausenblas: Oesterreich im Kriege gegen die französische Revolution 1792 (Fortsetzung im VIII. Bande)
50 H ausenblas. Die wesentlichen Gründe für diese verschiedenen Anschauungen lagen jedenfalls in der politischen Richtung dieser leitenden Generale. Luckner gefiel sich als der „Nation“ blind ergebener Soldat und wurde dafür von den Jacobinern mit einer zweifelhaften Popularität verehrt, Lafayette theilte seine Aufmerksamkeit zwischen dem Feinde und den Vorgängen in Paris, wo er die Entscheidung im Bedarfsfälle in der Hand behalten wollte, er spielte zur Zeit noch den liberalen Königstreuen, eine Rolle, die natürlicher Weise etwas schwierig zu spielen war.1) Immerhin mag Lafayette die Aufrechthaltung eines machtlosen constitutionellen Königthums als eine Form gewünscht haben, die ihm unmessbaren Einfluss und das Wesen der Macht in die Hand hätte geben können und desshalb schien ihm die Stellung seiner Armee an der kürzesten Verbindung nach Paris zweckmässig, während ihn die Annäherung an Luckner von Paris entfernt hätte. Nur zögernd und auf wiederholtes Drängen des Letzteren war Lafayette nach Montmédy marschiert, hatte seine Truppen jedoch nach einem schwachen Versuch, in das Luxemburg’sche einzudringen, der offenbar auch nur unternommen wurde, um die National-Versammlung zu beruhigen, Ende Juli wieder nach Sedan zurückgeführt. Unter solchen Umständen war an eine einheitliche Abwehr der Invasion umso weniger zu denken, als die Bestrebungen einzelner Unterbefehlshaber, sich das Wohlgefallen der revolutionären Macht- i) i) Am 16. Mai erschien ein angeblich ehemaliger Jesuit (wahrscheinlich einer der eidleistenden abgefallenen Priester), Namens Lambinet, bei Mercy und erkundigte sich im Namen Lafayette's über die Ansichten des Wiener Hofes über die französische Constitution. Er erklärte, dass sowohl Lafayette, wie ßochambeau bereit seien, die Feindseligkeiten sofort einzustellen, mit ihren gesammten Streitkräften die Revolutionspartei zu bekämpfen und das königliche Ansehen wieder herzustellen, wenn der Kaiser die Constitution unberührt lassen wolle. Mercy legte dem Schritte Lafayette’s folgende Ursachen zugrunde: 1. Lafayette befinde sich in grosser Verlegenheit, da seine Armee desorganisiert und ohne Hilfsmittel sei. 2. Er beabsichtige die Wachsamkeit der Oesterreicher einzuschläfem. 3. Er wolle beim Berliner Hof Misstrauen gegen Oesterreich erwecken und die österreichische Antwort missbrauchen. Mercy, der wohl richtig ahnen mochte, verständigte den Prinzen Reuss und dieser verwies Lambinet auf die offieiellen österreichischen Noten. (Staats-Archiv, Corresp. Mercys, Mercy an Kaunitz vom 16. Mai 1792.) Auch Kaunitz schenkte den Aeusserungen Lafayette’s wenig Zutrauen, gab Mercy jedoch die Weisung, die Verhandlungen fortzusetzen, damit für die Mobilisierung der eigenen Armee Zeit gewonnen werde.