Mittheilungen des k.u.k. Kriegs-Archivs 4. (Neue Folge, 1889)
Hauptmann Kulnigg: Die Römer im Gebiete der heutigen österreichisch-ungarischen Monarchie. Erläuterungen zu einer Uebersichtskarte
Die Körner im Gebiete der heutigen österr.-ungar. Monarchie. 299 Völkern fast unmöglich geworden, Aufstände zu organisiren und die einmal militärisch disciplinirten Leute verblieben Römer in ihrer ganzen Art und Denkweise auch nach der Rückkehr in ihre Heimath. Das alte Geschlecht starb nach und nach aus, der Nachwuchs blühte auf unter dem Einflüsse der römischen Officierc, Beamten und Lehrer. So musste die Romanisirung grosse und nachhaltige Fortschritte machen. Ein nicht geringer Unterschied der Cultur zeigte sich jedoch dabei in diesen Ländern zwischen den einzelnen Stämmen. Was tiefer unten an der Save und Drau wohnte, war des geringen Verkehrs wegen weit zurückgeblieben gegenüber Denen, die an der Donau ansässig waren. Die Gebirgsvölker wurden nur sehr allmählig dem römischen Culturleben gewonnen, ihre trotzige und wilde Kraft widerstrebte lange allen Anstrengungen der römischen Verwaltung und römischem Brauch. Aber selbst die Städte zeigten sich sehr verschieden in ihrer Art. Während in Aquileja und Sirmium grossstädtisches Leben herrschte und der Sittenverfall Roms sammt allem Luxus Heimstätten fand, zeigten die nördlichen Colonien und Städte, wie Juvavum (Salzburg), Laureacum (Lorch), Aguntum (Innichen), bei allerdings bedeutend weniger Wohlhabenheit und geringer Lebensverfeinerung, einen wesentlich anderen und reineren Charakter. Ein volles Jahrhundert nahm die Festsetzung und Einrichtung der Römer in den neu erworbenen Gebieten in Anspruch und sie wurde mit solcher Ueberlegung und Energie betrieben, dass römische Sitte und Cultur allgemein und herrschend waren. Ein eigenthümlich bewegtes Leben mag sich in den Ländern an der Donau entwickelt haben, dem Strome, der den Orient und Occident verbindet, an dem sich der classische Süden und der harte germanische Norden berühren. Ein ruhiges Entwickeln war es freilich nicht, da das Wogen und Drängen der verschiedenartigsten Völker an den Ufern der Donau sich brach. Der herrschende Volkscharakter drängte aber auch den römischen Soldaten und Eingewanderten ein eigenartig bestimmtes, kräftigeres Wesen auf, so dass es nicht wundern darf, dass dieses später sogar als 59