Mittheilungen des k.u.k. Kriegs-Archivs 4. (Neue Folge, 1889)

Die Heere des Kaisers und der französischen Revolution im Beginn des Jahres 1792. Als Einleitung zur Schilderung der Kriege Oesterreichs gegen die französische Revolution. Mit Benützung der Vorstudien zu dem in Bearbeitung befindlichen historischen Werke über Erzherzog Carl von Oberstlieutenant M. E. von Angeli

106 Die Heere des Kaisers und der französischen Eevolution 1792. Die mächtigen Veränderungen, welche in der zweiten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts in den Menschen, ihrem Denken und Wollen eingetreten, hatten, die Kriegskunst ausgenommen, auch fast alle Gebiete menschlichen Schaffens in tiefgreifender Weise Umwandlungsprocessen mindestens entgegengeführt. Wie die Menschen, so hatte sich auch der Boden geändert und dies machte sich nicht nur geltend im Gange der Operationen überhaupt, son­dern selbst auch im Verlaufe der einzelnen Gefechte, deren Schau­plätze fast nirgends mehr die Wirksamkeit und Bewegung langer, zusammenhängender Linien gestatteten, dagegen aber die Flügel der Gefahr, umgangen zu werden, umsomehr aussetzten. Durch diese neuen Verhältnisse schwand allmälig die Be­rechtigung einer unthätigen Vertheidigung, die das Herankommen des Gegners ruhig abwarten durfte; die Beweglichkeit wurde Gebot der Notwendigkeit. Dass diese Notwendigkeit in den ersten Stadien des Krieges noch nicht sofort erkannt wurde, war natürlich, es bedurfte der Erfahrungen; man sah daher noch stets die Truppen, in langen Linien vertheilt, bedeutende Strecken nebst allen ihren Zugängen besetzen und sich dabei in weitverzweigten Combinationen ergehen, mit ihrem Gefolge von allerlei Missgriffen und dem Mangel an Nachdruck in dem entscheidenden Momente. Mit nur geringen Ausnahmen beherrschte die taktische Tradi­tion die Unterführer völlig. Indem sie das unvermittelt auftretende Neue nur nach dem Massstabe einer auf eine thatenreiche Ver­gangenheit gegründeten Empirik schätzten, mussten sie nothwendig in Widerspruch kommen mit den Anforderungen einer von ihnen entweder gar nicht oder nur mangelhaft verstandenen Gegenwart. Die althergebrachte Methodik kam schon zu Beginn des Krieges durch das »regelwidrige« Vorgehen des Gegners arg ins Gedränge. Die Franzosen traten nicht nur im Allgemeinen numerisch, sondern hinsichtlich der Geschütze auch an Kaliber überlegen auf, da sie aus den Festungen alles nur irgendwie transportable Ge­schütz für den Gebrauch im Felde entnommen hatten. Diesen gegenüber waren die österreichischen Geschütze nur zu oft auf ein fast wirkungsloses Feuer im feindlichen Schussbereiche beschränkt, bis die Gefechtsverhältnisse sie etwa von selbst in eine vorteil­haftere Position brachten.

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