Mittheilungen des k.k. Kriegs-Archivs 1. (Neue Folge, 1887)
Erinnerungen aus dem Leben des FM. Grafen Radetzky. Eine Selbstbiographie
46 Erinnerungen aus dem Leben des FM. Grafen Radetzky. Melas blieb der Cominandirende in Italien und hatte nun die Verpflichtung, die vielen festen Punkte zu besetzen, obwohl er durch den Abzug der Russen um die Hälfte der Stärke geschwächt war und keinen Ersatz der in den Gefechten verlorenen Mannschaft erhielt. Ausserdem hatte er mit dem Mangel an Montur, ja dem Abgänge aller Artikel der Armee-Verpflegung zu kämpfen. Es kam so weit, dass man wegen der Unmöglichkeit eines Ersatzes an Pferden mehr als zwei Drittel des Fuhrwesens ausser Gebrauch setzen und die Wägen in den Festungen aufschichten und in Verwahrung bringen lassen musste. In dieser Lage, in welcher Melas auf seine Rapporte keine befriedigenden Antworten von dem Hof-Kriegsraths-Präsidenten erhielt, glaubte der General, seine Truppen, die von harten Kämpfen imd den damit verbundenen Märschen sehr hergenommen waren, aufrichten zu müssen. Er versuchte dies, indem er in einem Generalsbefehle die Truppen zur Geduld und Ausdauer bei den noch zu überstehenden Fatiguen des Feldzuges aufforderte. Er verlangte Beharrlichkeit bis zur Zurückdrängung der Feinde über die Gebirge von Mondovi und Ceva, dann bei der Ertragung der Fatiguen während der Belagerung von Cuneo. Melas gab das Versprechen, die Truppen nach der beendeten Belagerung von Cuneo in die reiche Lombardei zurückzuführen, damit sie sich dort in ruhigen Winterquartieren von ihren überstandenen Fatiguen erholen, Kleidung und Alles, was sie bedürfen, zur Genüge erhalten könnten. Dieser Generalsbefehl, der bei den Truppen den besten Eindruck hervorbrachte, missfiel dem General Zach, dem Chef des General-Quartiermeister-Stabes, der hierüber dem Commandirenden Melas mit dem Bemerken Vorstellungen machte, es würde dieser Befehl, der die Pläne Oesterreichs im Voraus enthülle, dem Minister des Aeussern, Baron Thugut, unangenehm sein. Ich bemerke dieses nur, um anzudeuten, dass Zach mit Thugut hinter dem Rücken des Commandirenden in steter brieflicher Verbindung stand. Er verlor dadurch Melas’ Vertrauen, welches ohnedies sehr begrenzt war, ganz und steigerte die Neigung des Commandirenden zu mir nur noch mehr. Nach dem Abmarsche der Russen, welche von Alessandria den Weg über den St. Gotthard und nach der Teufelsbrücke nahmen,