Mittheilungen des k.k. Kriegs-Archivs (1886)
Über den Gebirsgskrieg (Aus den "Mémoires" des k. k. Kriegs-Archivs) Geschrieben im Jahre 1800 von Generalstabs-Hauptmann (späteren General-Major) Johann Mayer Edler von Heldensfeld
Über den Gebirgskrieg. 85 Gebirgsländern häufiger, und eine überraschende Erscheinung des Feindes wirkt auf den gemeinen Mann weit stärker, als in ebenen Gegenden, auch ist das Ralliiren einer geschlagenen Truppe im Gebirge bedeutend schwieriger. Aus all’ diesen Betrachtungen erhellt, dass die Verteidigung einer Gebirgsgegend eine der schwersten Aufgaben in der Kriegskunst ist. Der Feind hat zudem noch meist viele Wege, Pässe und Fuss- steige im Gebirge in der Hand und kann selbe zu einem unerwarteten Angriffe gegen uns benützen. Wie schwer ist ferner für den Verteidiger die Auflösung der Frage, welches die wichtigsten, zu besetzenden Punkte sind, wo die Reserve, die Hauptmacht aufzustellen ist, um einen bedrohten Punkt rechtzeitig unterstützen zu können! Die Beantwortung dieser Frage wird noch schwieriger, wenn es, wie im Gebirge meist der Fall, an Strassen und Wegen mangelt und die Lebensmittel und sonstigen Bedürfnisse nur äusserst mühevoll den im Gebirge fortwährenden Strapazen ausgesetzten Truppen zugeführt werden können. Gestützt auf die von grossen Feldherren gegebenen Beispiele und geleitet von meiner eigenen Erfahrung, will ich versuchen, meine Gedanken über die Vertheidigungsart im Gebirge auszuführen, aus geschehenen Fehlern Grundsätze und Vorsichtsmassregeln abzuleiten und die Richtigkeit der letzteren zu beweisen. Aus dem erwähnten allgemeinen Grundsätze der Vertheidigungsart erhellt, dass die Behauptung einer Gegend oder Stellung durch eine alleinige Defensive sehr selten erreicht werden kann, und dass man bei jeder Vertheidigung auch offensiv Vorgehen muss. , Bei der Vertheidigung solcher Gegenden ist vor Allem, wie bereits bei der allgemeinen Übersicht berührt wurde, auf die Wahl seiner Stellung das Augenmerk zu richten. Diese Wahl muss sich gründen: auf die allgemeine, militärische Absicht, auf den Zusammenhang der Operationen, auf die Stärke und Entfernung des Gegners, auf die gegen ihn führenden Pässe, Defiléen, Wege und Fusssteige und auf die mehr oder weniger schwierige Zufuhr der Subsistenzmittel für die eigenen Truppen. Die ausgedehntere oder mehr concentrirte Stellung richtet sich nach der Stärke der beiliabenden Truppen und nach der Terrain- Beschaffenheit. Wenn man bei der Wahl der Stellung nicht auf all’ das Rücksicht nimmt, so werden für die betreffende Heeresmacht die traurigsten Folgen entstehen. Ich habe mehrere Fälle erlebt, dass Generale, nach getroffener Wahl der Stellung, beim beständigen Recognosciren und Besichtigen derselben, täglich, ja stündlich neue Vor- und Nachtheile im Terrain entdeckten, welche, einzeln betrachtet, allerdings gross, bei dem all-