Mittheilungen des k.k. Kriegs-Archivs (1886)
Über den Gebirsgskrieg (Aus den "Mémoires" des k. k. Kriegs-Archivs) Geschrieben im Jahre 1800 von Generalstabs-Hauptmann (späteren General-Major) Johann Mayer Edler von Heldensfeld
84 Über den Gebirgskrieg. Der immer beim Vertheidiger herrscnende Zweifel, ob und wie der Gegner etwas wider ihn vornehmen werde, bringt ihn oftmals in ein Labyrinth von Raisonnements, er glaubt sich in die Idee seines Gegners hineinzudenken und hält sich daher auf ein Unternehmen gefasst, das der Feind auf die eine oder andere Weise ausführen müsse. Darnach entwirft er auch seine Truppen-Vertheilung. Der natürlichste Nachtheil bei der Defensive besteht darin, dass man nur ratlien kann, daher sich auf verschiedene Fälle vorbereiten muss. Hierin liegt also die Vertheidigungsart für eine Gegend zu bestimmen, die Hauptpunkte derselben zu sichern, die Truppen so aufzustellen, dass die feindlichen Bewegungen von selben beobachtet, und die Hauptmacht derart concentrirt beisammen zu halten, dass jedem bedrohten Punkte mit Nachdruck zur Hilfe geeilt werden kann. Wenn ein Commandant von militärischen Kenntnissen, Erfahrung und kaltblütiger Beurtheilung der Sachlage diesen Grundsatz beobachtet, so wird es ihm leicht werden, sich gegen den Gegner zu behaupten, seine Absichten und Angriffsarten zu entziffern, die falschen von den wahren Angriffen zu unterscheiden und zweckentsprechende Anstalten zur Vereitlung der feindlichen Projecte zu treffen. Dieses ist demnach im Allgemeinen die wahre Art der Ver~ theidigung. Verschiedene günstige oder ungünstige Verhältnisse und Umstände, die allgemeine und specielle Beschaffenheit der Gegend, die grössere oder geringere Stärke der Truppen, sowie das Vorhandenoder Nichtvorhandensein mancherlei militärischer Hilfsmittel erleichtern oder erschweren mehr oder weniger die Kunst der Vertheidigung. Das Enträthseln der feindlichen Pläne wird um so schwieriger, je coupirter das Terrain ist und je weniger man die Stellung und Truppen des Gegners zu übersehen vermag. Hieraus folgt, dass die Vertheidigungsart in einer Gebirgsgegend bedeutend grösseren Schwierigkeiten unterliegt, als in der Ebene. In Gebirgsländern sind auch die eigenen Truppen nicht leicht zu übersehen, nur sehr selten kann hier eine grössere Truppenzahl auf einem vortheilhaften Punkte versammelt und Truppen-Bewegungen können meist nur mit kleinen Abtheilungen und viel langsamer und mühsamer als in der Ebene durchgeführt werden; im Gebirge muss man alle Vorsichtsmassregeln verdoppeln, zudem laufen hier die Rapporte und Berichte nur langsam ein und sind öfter widersprechend, als in ebenen Ländern. Der Fehler irgend eines Posten-Commandanten kann nicht so leicht unschädlich gemacht werden und seine Folgen sind oft viel trauriger, als die eines ähnlichen in der Ebene begangenen Fehlers; Cavallerie und Geschütze sind im Gebirge gar nicht oder sehr selten und in den kleinsten Abtheilungen zu gebrauchen; Überfälle sind in