Mittheilungen des k.k. Kriegs-Archivs (1886)

Über den Gebirsgskrieg (Aus den "Mémoires" des k. k. Kriegs-Archivs) Geschrieben im Jahre 1800 von Generalstabs-Hauptmann (späteren General-Major) Johann Mayer Edler von Heldensfeld

Über den Gebirgskrieg. 83 sondern selbst der Gemeine sein eigener Führer wird und in seiner Person den gehorchenden und befehlenden Krieger vereinigt sieht, ein grosser Vortheil, dessen Anwendung man fast bei jedem Gemeinen der französischen Armee bewundern muss. Entfernt von jedem pedantischen Mechanismus, wird sich dann jeder Soldat in allen Fällen, er sei auch noch so weit von seinem Commandanten entfernt, zu helfen, bei einem Unglücksfall die Mittel zu seiner Rettung zu finden wissen und nicht, wie es öfter geschieht, mal a propos dem Feinde in die Hände laufen, weil er aus totaler Unwissenheit zu seiner Rettung nur thierisch jene Fährte einzuschlagen versteht, welche er vom Lager aus zur Erreichung seines dermaligen Standpunktes nehmen musste. Diese Vorbereitung einer Armee gewährt aber auch dem Feld­herrn den Vortheil, dass er ruhig und gelassen über seine Pläne, Ent­würfe und Anschläge nachdenken und sich die glückliche Ausführung einer Defensive oder Offensive versprechen kann. Nach diesen Voraussetzungen gehe ich nun zur Erörterung von Defensive und Offensive über. Defensive. In der Kriegskunst ist allgemein angenommen und hinlänglich erwiesen, dass die Durchführung der Defensive für einen Feldherrn und Krieger weit schwieriger, als jene der Offensive ist. Dieser Satz liegt schon in der Natur der Sache und in jener des Menschen. Dieser hält immer theils aus Eigenliebe, theils aus Furcht den Feind, der ihn angreift, für stärker, als er wirklich ist, daher die übertriebenen Angaben, die ekelhaften Ausdrücke in betreff der feindlichen Truppenstärke, daher das Vergrösserungsauge der Menschen. Der Vertheidiger muthet seinem Gegner stets mehr kriegs­tüchtige Eigenschaften und Hilfsmittel zu, als er nur immer besitzen kann; so werden oft die drolligsten Ideen zusammengestellt, die ver­schiedenartigsten Besorgnisse geäussert, welche der ruhige Beobachter nur lächerlich finden muss. In der Natur beider Kriegsarten liegt der Nachtheil der Einen und der Vortheil der Anderen. Der Eine mit seiner vollkommenen Sicherstellung beschäftigt, unternimmt Alles, was ihm Kunst und mili­tärische Erfahrung nur immer an die Hand geben. Jeder schafft sich nach seiner Idee die beste Vertheidigungsart und glaubt seine Absicht bald mit diesen, bald mit jenen Mitteln zu erreichen; unermüdlich irrt er alle Tage in der Sphäre seiner Vertlieidigungslinie umher, täglich findet er bei seiner sorgfältigen Untersuchung neue Besorgnisse, sucht selbe auf diese oder jene Weise zu beheben und verkleinert oder ver- grössert täglich die Grenzen seiner Vertheidigungs-Stellung. 6*

Next

/
Oldalképek
Tartalom