Mittheilungen des k.k. Kriegs-Archivs (1886)

Über den Gebirsgskrieg (Aus den "Mémoires" des k. k. Kriegs-Archivs) Geschrieben im Jahre 1800 von Generalstabs-Hauptmann (späteren General-Major) Johann Mayer Edler von Heldensfeld

Über den Gebirgskrieg. 79 Sehr interessant war es für mich, wenn ich mir von den Alpen­bewohnern die Kriege ihrer Voreltern erzählen und mich von ihren Ideen und von der Art und Weise, wie sie es selbst erforderlichen Falles zu machen gesonnen wären, unterrichten liess. Ohne taktisches Studium entwerfen sie blos nach der Natur des Menschen und nach der Lage und den Verhältnissen der Gegend ihre Ideen und Pläne. Mit Bewunderung hörte ich sie ihre glücklichen und schönen Siege bei Morgarten, Näfels, Sempach u. s. w. aus der älteren und jene der neuesten Zeit in den Cantonen Unterwalden, Uri und Schwyz erzählen. Mit grossem Arger musste ich aber auch das absprechende Urtheil über die Erzherzoge und Herzoge und über den deutschen Adel der älteren Zeit hören, welche sich so vernunftlos von den Älplern massakriren Hessen. Dem Beispiele dieses Adels folgen nun in gegen­wärtigen Kriegen die Neufranken in der Schweiz und in fast allen Gebirgsländern nach. Auch in Vorarlberg, Tirol, im Schwarzwald, im Böhmerwald hört man solche Gebirgsgeschichten erzählen und ein echter Krieger wird manche Nutzanwendung aus selben schöpfen. Ich erwähnte all’ dieses, um eine kleine Übersicht zu geben und um in einer kurzen Rückerinnerung zu zeigen, wie einfach und ganz naturgemäss Gebirgskriege geführt wurden, wie die gegenwärtige Art, diese Kriege zu führen, mit der früheren ganz übereinstimmt und auch übereinstimmen muss. Nach dieser kurzen Abschweifung will ich meine Ideen über den Gebirgskrieg fortsetzen. Ist die Übersicht über das Land entworfen, sind die wichtigen Gebirgspartien in Erwägung gezogen und ist der endgiltige Ent­schluss gefasst worden, so tritt das Misstrauen ein, denn man ist durch die Erfahrung gewitzigt, man hat gesehen, dass trotz den besten Vorkehrungen eines Feldherrn, oft blos durch die Sorglosigkeit eines Untergebenen und durch die geringschätzende Vernachlässigung und Nichtbeachtung eines oder des anderen Weges und Passes die nach­theiligsten Folgen entstanden sind. Zweifelnd an der Einsicht oder der Pflichterfüllung der Unter­gebenen, und um daher ähnlichen Unglücksfällen vorzubeugen, bleibt dem Commandanten nichts Anderes übrig, als täglich herumzureiten, zu klettern, sich von allen Objecten, Wegen und Fusssteigen seihst zu überzeugen und, gestützt auf den Grundsatz, dass es kein Gebirge gibt, welches nicht auf der einen oder anderen Seite zu erklettern ist, alle sogenannten Unmöglichkeiten, welche vom Hörensagen oder von der Bequemlichkeit des Recognoscenten herrühren, nicht zu glauben, insolange er sich nicht selbst von denselben die Überzeugung ver­schafft hat. Jedem erfahrenen Krieger ist bekannt, wie durch den Miss­brauch des Wortes: unmöglich, sowohl in den Türkenkriegen, als

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