Mittheilungen des k.k. Kriegs-Archivs (1886)
Kriegs-Chronik Österreich-Ungarns. II. Theil. Der südwestliche Kriegsschauplatz im Donauthale und den österreichischen Alpenländern. (Mit eigener Paginirung)
Vorgeschichte. 9 werden *). — Dem türkischen Hauptheere voran ging ein 30.000 Mann starkes Reiter-Corps (Renner und Brenner), welches das Land bis gegen Linz verwüstete. Am 21. September 1529 langten die Spitzen des Hauptheeres vor Wien an; es zählte 250.000 bis 300.000 Mann und 300 Kanonen. Das Lager der Türken erstreckte sich von Simmering über den Wienerberg und Schönbrunn bis Döbling. Die Besatzung von Wien war schwach (22.000 Mann und 72 Geschütze) — die Befestigungen in schlechtem Zustande. Als Stadtcommandant von Wien fungirte Feld- marschall Niklas Graf Salm, der bei der Annäherung des Feindes die Vorstädte niederbrennen hess. Ende September war die Abschliessung Wiens zu Wasser und zu Land bewirkt und es begann die regelmässige Belagerung. Der Angriff richtete sich gegen die Werke zwischen der Augustinerbastei und einen Thurm, der zwischen dem Kärntner- und Stuben-Thor lag, besonders aber gegen den Kärntner-Thurm und das Kärntner-Thor. Am 28. und 29. September fiel die Wiener Besatzung mit kleineren Trupps, am 6. October mit 8000 Mann aus. Indessen bereiteten die Türken den Sturm durch Minen vor und als am 9. October Nachmittags auf der linken Seite des Kärntner-Thurmes und in der Nähe des Burgthores Breschen erzeugt waren, begannen sie zum Sturme anzulaufen. Am 9. und 11. October wies die Besatzung der Stadt je drei Stürme zurück, und als am 12. zwischen dem Kärntner- und Stuben- Thor eine 38m lange Bresche entstand, blieb der Sturm der Türken gegen dieselbe abermals erfolglos. Am 13. fielen die Wiener gegen Nussdorf aus, lockten dabei die Gegner in einen Hinterhalt und richteten ein gewaltiges Blutbad unter ihnen an. Von den Gefangenen erfuhr man die Absicht der Türken, am 14. einen letzten Sturm zu versuchen. Trotz der grossen Breschen, welche die Minen der Feinde gelegt hatten und des wüthenden Ansturmes der Türken, kämpfte die schwache Wiener Besatzung heroisch und erfolgreich Mann gegen Mann, so dass Suleiman endlich das Zeichen zum Abbrechen des vergeblichen Kampfes geben musste. Am 15. October trat das türkische Heer, noch während des Rückzuges von den verfolgenden Wienern schwer geschädigt, den Marsch nach Ungarn an, nachdem es vor Wien ungefähr 40.000 Mann eingebüsst hatte. Auch die „Renner und Brenner“ stiessen auf Widerstand und wurden fast gänzlich vernichtet. Der heldenmüthige Widerstand Wiens hat die Civilisation des Abendlandes gegen den Ansturm wilder, barbarischer Horden gerettet. Die Bedeutung der Vertheidigung Wiens ist um so höher anzuschlagen, als das Osmanenreich zu dieser Zeit unter dem eroberungssüchtigen, thatkräftigen und tüchtigen Sultan Suleiman II. auf dem höchsten Gipfel seiner Macht stand. ') Eine eingehende Schilderung dieser Belagerung findet sich in den „Mittheilungen des k. k. Kriegs-Archivs“, Jahrgang 1882, Seite 321.