Mittheilungen des k.k. Kriegs-Archivs (1885)

Der Feldzug gegen die Türken im Jahre 1685

218 Der Feldzug gegen die Türken im Jahre 1685. Im Laufe des Tages erhielt der Herzog von Lothringen die Nachricht, dass die Pascha von Temesvár, Grosswardein und Erlau sich mit der türkischen Hauptarmee vereinigt hätten und theils in Pest, theils am Fusse des St. Gerhardsberges in Ofen lagerten. Die Kundschafter hatten ausserdem in Erfahrung gebracht, dass der Seraskier die Absicht hege, das bedrängte Neuhäusel durch einen Angriff auf Gran zu entsetzen. Ganz entgegengesetzt wurde aber am folgenden Tage (26.) gemeldet, dass die feindliche Armee in Ofen die Donau passirt habe und im Anmarsche gegen Waitzen begriffen sei. Am 27. Juli traf der Churfürst von Bayern im Lager ein. Gegen Mittag machten die Türken einen Ausfall aus dem Graner Thore, wobei es ihnen gelang, den Ableitungsgraben bei der Bastion Ernst in einer Länge von beinahe 40 Klaftern zu verschütten. Um solche Belästigungen für die Zukunft zu verhindern, wurden 300 Bayern commandirt, vor dem Graner Thore eine Redoute anzulegen und diese durch einen über 500 Schritte langen Schanzgraben mit dem linken Flügel der dritten Parallele in Verbindung zu setzen. Ein zweiter nächtlicher Ausfall der plötzlich sehr thätig gewordenen feind­lichen Besatzung kostete den Belagerern 40 Mann. — Am Abende war dem Herzog durch Huszárén aas Totis die Meldung gebracht worden, dass der Seraskier gegen Visegrád und Gran vorrücke. Noch verderbenbringender als der 27. Juli, waren für die Bela­gerer die beiden folgenden Tage. Am 28. setzte der Feind den Faschinendamm des rechten Angriffes in Brand. Der ganze Bau wurde, so weit er sich über den Wasserspiegel erhob, vernichtet und die benachbarte Batterie konnte nur mit Mühe gerettet werden. Hiebei wurden Graf Puechheim, Oberstlieutenant im Regimente Souches, ein Lieutenant des Regimentes Aspremont und viele Soldaten getödtet. Unter den zahlreichen Verwundeten befanden sich ein Hauptmann des Regimentes Aspremont, einer des Regimentes Souches und ein bayeri­scher Volontär.— Am nächsten Tage (29.) gelang es den Türken, den Grabendamm des linken Angriffes ebenfalls einzuäschern und die anstossende Batterie anzuzünden, so dass die Laffeten von vier Geschützen verbrannten. Die Panik unter den Belagerern war eine so allgemeine geworden, dass nur durch die Entschlossenheit des Herzogs ein noch grösseres Unheil verhütet werden konnte. Dieser stach mehrere fliehende Soldaten nieder, liess das Feuer in der Batterie löschen und brachte durch das Beispiel eigener Kaltblütigkeit alle Andern wieder zur Besonnenheit. Die Verluste waren beträchtlich, jedoch etwas geringer als am Vortage. — In der folgenden Nacht besich­tigte der Herzog mit dem Churfürsten von Bayern die grösstentheils zerstörten Angriffsarbeiten, wobei Officiere und Soldaten mit Freude bemerkten, dass die beiden Fürsten sich gegenseitig in Höflichkeiten zu überbieten suchten.

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