Mittheilungen des k.k. Kriegs-Archivs (1884)
Major Edlen von Angeli: 1812. Die Theilnahme des k. k. österreichischen Auxiliar-Corps unter Commando des G. d. C. (später Feldmarschalls) Fürsten Carl zu Schwareznberg im Feldzuge Napoleon I. gegen Russland
dem Wiener Congresse auf dem Gebiete der Geschichtsschreibung herrschte, wurde von den Gegnern als ein Beweis für ihre Behauptungen hingestellt. Gleichwohl aber bleibt noch die Frage offen, ob Österreich treu und ehrlich an dem beschworenen Vertrage hielt, oder ob es ein Doppelspiel spielte, in welchem weniger die Mittel, als nur der Zweck von Werth waren; es ist noch zu entscheiden, ob dem kaiserlichen Feldherrn mit Recht der Vorwurf gemacht wird, entweder um den Preis Tausender von Menschenleben einen Scheinkrieg geführt zu haben, oder unfähig gewesen zu sein, das Ziel zu erfassen und demselben kraftvoll zuzustreben. Die nachfolgenden Zeilen sollen zur Beantwortung dieser Frage die Mittel geben; dass hiebei die Verhältnisse nur insofern in Betracht kommen können, als sie zu jener Zeit im Hauptquartiere des Fürsten Schwarzenberg bekannt sein konnten, braucht wohl kaum besonders bemerkt zu werden. Es ist bekannt, dass Fürst Schwarzenberg nach dem Eintreffen der Verstärkungen am 30. October den Bug überschritt, um die Offensive wieder aufzunehmen und sich der grossen Armee zu nähern. Am selben Tage lief die Nachricht ein, dass Tschitschagof mit dem grösseren Theile der Armee in der Richtung nach Pruzany aufgebrochen sei und etwa 15.000 bis 20.000 Mann bei Brest-Litowski zurückgelassen habe. Ohne über die wirkliche Stärke und Absicht dieser letzteren genaue Nachricht zu haben oder sich durch ihre Demonstrationen gegen Biala irreführen zu lassen, folgte Fürst Schwarzenberg mit dem ganzen Corps in Eilmärschen dem Admiral, um ihn zu hindern, den Operationen der grossen Armee gefährlich zu werden. Die Unfälle des VII. Corps nöthigten den Fürsten Schwarzenberg zur Rückkehr gegen Wolkowisk (Izabelin), wo er am 16. die Russen unter Sacken schlug und über Brest-Litowski hinaus zurückdrängte. Diese Ereignisse, vom 31. October bis 16. November, sowie dass Fürst Schwarzenberg nicht unmittelbar nach dem Siege bei Izabelin die Verfolgung Tschitschagof s wieder aufnahm, waren zunächst Anlass zu jenen harten Urtheilen über seine Kriegführung, denen man in der Geschichte sowohl, als in einzelnen Fachschriften begegnet. Berücksichtigt man von letzteren nur jene, deren wissenschaftliche Qualification einen unbezweifelten Anspruch hierauf erheben kann, so zeigt sich das Gesammtbild der verschiedenen Ansichten über Schwarzenberg’s Thätigkeit als Feldherr ungefähr folgend: Ungeachtet Fürst Schwarzenberg über 48.000 Mann verfügte, liess er sich nach dem Abmarsche Tschitschagof’s durch Sacken, der höchstens 25.000 bis 27.000 Mann zählte, festhalten; als er sich endlich zur Verfolgung Tschitschagof’s aufmachte, verleitete ihn das siegreiche Treffen bei Izabelin zu einem neuerlichen verhängnissvollen Wechsel seiner Operationen. Statt mit Rücksicht auf das nothwendige Zusammenunter Commando d. Fürsten Schwarzenberg imFeldzuge Napóleoni, gegen Russland. 69