Mittheilungen des k.k. Kriegs-Archivs (1884)
Hauptmann Jihn des Generalstabs-Corps: Der Feldzug 1761 in Schlesien und Sachsen
Der Feldzug 1761 in Schlesien und Sachsen. 169 jüngsten Nachricht darthat, dass der Oder-Übergang der russischen Armee in der vorgeschlagenen Weise nunmehr ganz ohne Gefahr zu bewirken sei. Sie könne die Oder zwischen Brieg und Breslau in einem Tage erreichen, in drei weiteren aber über Münsterberg, das von Ohlau nur etwa 6 Meilen entfernt sei, zu der Vereinigung mit Laudon gelangen, der indess, seiner wichtigsten Aufgabe obliegend, die ihm gegenüberstehende preussische Hauptmacht festhalten würde, damit die Russen ungehindert marschiren könnten. Als auch'diese Vorstellung nichts fruchtete, hielt der österreichische Bevollmächtigte Buturlin die Befehle seines eigenen Hofes vor, aber selbst dieses Mittel wollte nicht verfangen. Jetzt, da der Moment zum Handeln gekommen war, trat die Abneigung der russischen Generalität gegen jeden ernsten Schritt und speciell gegen die Überschreitung der Oder mehr hervor denn je; die grosse Mehrzahl jener Männer perhorrescirte sogar die projectirte Vereinigung mit Laudon überhaupt, und man sprach im russischen Hauptquartier nur mehr davon, nach Beuthen oder Karolath gehen und von dort ein Corps nach Berlin senden zu wollen '). Diesen Meinungsäusserungen stimmte Buturlin, der sich durch die Instruction der Kaiserin denn doch bis zu einem gewissen Grade gebunden fühlte, zwar nicht direct bei, aber er liess sich von denselben in hohem Grade beeinflussen, wie es übrigens bei seinem Mangel an Selbständigkeit und Energie ■— gerade im Momente der Entscheidung — nicht anders zu erwarten stand. Caramelli schreibt über diesen Punkt: „wie dann der Herr Feldmarschall sich überhaupt anjetzo wie ein Kind — wann mir von einem solchen Herrn so zu judiciren erlaubt wäre —• führen lasse“. Dass der Entschluss, zu dem man im russischen Hauptquartier endlich gelangte, nicht ein solcher war, durch den die gemeinsame Sache rasch und in entscheidender Weise gefördert worden wäre, kann hienach nicht mehr in Erstaunen setzen. Caramelli erhielt, wie gesagt, am 1. August die Verständigung, dass der Oder-Übergang in der Strecke zwischen Breslau und Brieg wegen der Nähe des Feindes für gefährlich erachtet werde, dass anderseits der Marsch auf Ratibor zu weitläufig sei und den Nachschub, sowie auch die Basis der russische'!! Armee an der Weichsel einer Gefährdung aussetze. Man habe sich daher entschlossen, den Übergang unterhalb Breslau, zwischen dieser Stadt und Glogau zu versuchen und die Vereinigung mit der Armee Laudons in Nieder-Schlesicn zu bewirken. In dieser Antwort auf die jüngsten österreichischen Propositionen wird auch von einem beabsichtigten „Versuche“ auf Breslau gesprochen, den Laudon durch einen Angriff auf den König unterstützen solle, ') Bericht dos Majors Elmpt, welcher von Laudon mit Karten an den Feldmarschall Buturlin allgesendet worden war, vom 31. Juli. Kriegs-Archiv 1761; Fase. VII, 108, Acten des Laudon’schen Corps.