Mittheilungen des k.k. Kriegs-Archivs (1884)
Hauptmann Jihn des Generalstabs-Corps: Der Feldzug 1761 in Schlesien und Sachsen
Der Feldzug 1761 in Schlesien und Sachsen. 153 Charakter-Eigenschaften des Feldmarschalls zu suchen, und dazu bietet das Bild, welches GFWM. Caramelli von diesem Manne entwirft'), allerdings einige Anhaltspunkte. Buturlin wird zwar in mancher Beziehung gelobt und unter anderem auch als sehr arbeitsam geschildert; dann heisst es aber weiter, dass derselbe auch sehr empfindlich und eigensinnig sei und nicht gerne einen Rath annehmc, oder sich etwas einreden lasse. Man könne sich ferner nicht verhehlen, „dass der Herr Feldmarschall gar ungemein misstrauisch sei und stets besorge, dass man ihn anführen wollte“. „Diese Besorgniss,“ meint Caramelli, „ist um so natürlicher, als er (der Marschall) von unserem Handwerke nicht hinlängliche Kenntniss hat — nicht zu unterscheiden weiss, was man ihm vorstellt, noch viel weniger aber aus sich selbst einen Entschluss zu fassen im Stande ist. Ich sehe also wohl vor,“ heisst es zum Schlüsse, „dass es sein- schwer sein dürfte, von diesem Herrn eine vollkommen kategorische Entschliessung zu erhalten — nicht dass es aus Maliz oder wegen übler Gesinnung geschehe, sondern weil es die obhabende natürliche Furcht und geringe Einsicht verhindert.“ So scheint es also, dass der Feldmarschall, welcher in der That erst am 7. Juni wegen des Operationsplanes die nach seiner Meinung entscheidenden Ausführungsbefehle des russischen Hofes erhielt2), theils aus übergrosser Besorgniss, seine Machtbefugnisse zu überschreiten, theils aus Misstrauen gegen den Abgesandten Laudon s, selbst einer Vor besprechung über die Ausführung des ohne Zweifel in seinen Händen befindlichen Operationsplanes auswich. Man muss indess zugestehen, dass gerade Buturlin es war, welcher in der nächsten Zeit zum Nutzen der gemeinsamen Sache am meisten zum Festhalten an den Bestimmungen des Operationsplanes beitrug, sobald er diesen endgiltig beschlossen wusste. Dagegen erscheint Caramelli dadurch in minder günstigem Lichte, dass er, durch Buturlin’s anfängliches Benehmen irre gemacht, vielleicht auch in Folge eines bis zu einem gewissen Grade gerechtfertigten Vorurtheils, sofort jeden Glauben an den Ernst der russischen Vorschläge verlor und sich verleiten Hess, abweichend von der ihm ertheiltcn Instruction — ausser auf die nachträglich, und auch erst in zweiter Linie in Aussicht genommene Vereinigung der russischen Haupt-Armee mit dem bei Zittau stehenden österreichischen Corps über Krossen — nur mehr auf jene Verwendungsarten der russischen Streitkräfte hinzuarbeiten, welche Laudon lediglich *) *) Caramelli’s Bericht vom 10. Juni. Kriegs-Archiv 1761; Fase. VI, 30, Acten des Laudon’schen Corps. 2) Schreiben Buturlin’s an den Major v. Klebeck, russischen Militär-Bevollmächtigten im Hauptquartiere Laudon’s, vom 7. Juni. Kriegs-Archiv 1761; Fase. VI, ad 23c, Acten des Laudon’schen Corps.